Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 21. September 1725
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 131r-132v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
  Hochgeehrtester Herr,
   Hochgeschätzter Gönner.

Ew. HochEdl. bin ich zu nicht geringem Danck verbunden, daß dieselbige sich die große mühe gegeben, auf meine bißherige Briefe, so ausführlich zu antworten, und mir dabey so viele nützliche dinge kund zu machen. Ich erkenne daraus, Dero mir gewidmete Wolgewogenheit, die ich auf alle Art und Weise zu erwiedren, jederzeit geflissen seyn will. Um nun nach der Ordnung der Materien, eine Replique darauf zu machen: so melde ich occasione der Oster Differenz,[1] daß mir der Zeit des P. Falckens Animadversiones[2] zu Handen kommen, wovon ich hier ein Exemplar übersende, wenn Sie es anderst nicht schon selbst besitzen, in welchen fall sich schon anderwerts ein Liebhaber darzu finden dürfte. Wo ich mich recht entsinne, so habe bereits gemeldet, daß Hl. Gaupp in dieser Materie etwas zu schreiben unter Handen hat,[3] darinnen er auch bemeldten Falcken certo respectu zu refutiren gedencket, ich weis aber dato nicht ob es schon fertig ist, und bin aber täglich einer Nachricht davon gewärtig, in dem verschiedenes darzu communicirt habe. Ich wünschte alles was von dieser Materie tractirt worden, zu besitzen, indem ich immer fürchte, es dürfte selbige von neuem aufs Tapet kommen. Poundii Tabulae I Satell. ♃. sind in den Novis Litterariis Lipsiensibus A.o 1721 in fine enthalten,[4] ich werde sie aber auch dem Supplemento des Astronomischen Handbuchs einverleiben,[5] und zugleich einer weiteren Correction der Tabb. Cassini Erwehnung tuhn, die der P. Nicasius Grammaticus[6] communicirt hat. Bemeldter Pater hat mit Ihnen, von der differ. calc. et obs. einerley Gedancken, und hat gemeldet, daß auch das Calculus Poundii, den Observationibus noch kein Genügen leiste. Die Immersion zu Lissabon 1724 d. 25 Sept. ist h. 9. 59. 21 geschehen,[7] und mag es seyn daß ich mich im Abschreiben geirret, oder das 2 nicht deutlich genug gemacht habe.

[Bl. 131v]
Ihre Methode die loca Cometae zu determiniren, gehet mir ein: aber den angulum lineae distantiae et verticalis zu schätzen, scheinet mir, wenn es dem Auge Maase nach geschehen soll, etwas dubiös zu seyn: es müste denn, daß man durch die Praxin der Sache gewißer würde. Es ist mit einem Worte, eine kützlichte Sache, mit den Observationibus Cometicis, zu mal wenn es per tubum ohne Zuthuung andrer Instrumenten geschehen soll. Inmittelst habe ich hievon dem Supplemento des Astronomischen Handbuches verschiedenes einverleibet, und des Cassini Methode deutlich erkläret, wie ex tribus Observatonibus Cometicis circa tempus primae apparationis ejusdem, verschiedenes zu deduciren ist, womit ich vielen keinen unangenehmen dienst zu erweisen verhoffe. Daß des Seel. Hl. von Wurzelbau observation der letzten ☉Finsterniß,[8] nicht nach Ew. HochEdl. Sinn ist, glaube ich gerne. Der gute Mann, war darzumal nicht mehr im Stande etwas accurates zu verrichten, wie er denn, als er solches erkannte, sehr ungedultig darüber wurde. Hl. Prof. Doppelm. Observation, habe ich nicht zu Gesichte kriegen können, noch weniger ist sie gedruckt worden. Ew. HochEdl. sprechen ihn selber um die Communication an, vielleicht kriegen Sie selbige eher als ich. Das Schema habe ich wol davon: aber das mag Ew. HochEdl. ich nicht communiciren, denn Sie würden sich zu sehr darüber ärgern, weil es den Veritatibus Astronomicis e diametro entgegen ist. Von meiner Description dieser Eclipsis[9] sende hiemit ein Exemplar, welches mir einer meiner freunde wird zukommen lassen, dem ich es geschenckt habe, maßen ich es anderwerts nicht mehr antreffen konte. Meines bruders observation, ist freylich nicht wie sie seyn soll, und sind die Ursachen, leicht zu erachten. Ein andermal, wird er beßer Achtung geben, damit man einen Nutzen daraus ziehen kan. Ihre Manier die Chordas Ellipticas zu corrigiren, gefällt mir. Vielleicht communicire Ihnen ich aber eine andre, die correcter und demonstrativ ist. Ich habe sie von Hl. Prof. Hausen[10] in Leipzig empfangen, der ein trefflicher, aufrichter u: dienstfertiger Mann ist, und mir schon viele curiöse dinge gelehret hat. Die Löcher im Monde,[11] gehen mir eben so wenig als Ihnen ein, und dürfte es schwerfallen, ihre Gewißheit ex opticis zu demonstrieren. Wer weis, was der gute Doctor[12] gesehen, das er nicht mathematice zu beurtheilen

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vermögend war. Daß Ew. HochEdl. Hl. Dr. Alischern[13] den Text lesen wollen, höre ich gerne. Es scheinet der gute Mann, habe sich in seine eigene Meinung verliebet, und suche sich damit einen Namen in der Welt zu machen, weil er sich dabey nicht schreckt, die Reputation großer Leute anzutasten, als wie er mit Hevelio getahn hat. Inmittelst hat mein bruder über Ew. HochEdl. artige Gedancken von den Medicis, recht hertzlich gelachet, als ich sie ihm vorgelesen. Er läßt Ihnen unter Versicherung seiner wahren Ergebenheit, wißen, wie er Ihnen gantz willig beypflichte; jedoch mit dem Bedinge, daß Ew. HochEdl. glauben möchten, daß er seines Ortes, mit denen, die Sie gemeint, nicht über einen Leisten geschlagen wäre; anerwogen es auch schon HL. D. Siegbeck[14] erweise, daß es Medicos gebe, die der Astronomie das Wort redten. Ihre Raison über den hellen Erdschatten in der letzten Eclipsi ☽nari, gibt mir hinlängliche Satisfaction,[15] und gehet mir um so viel beßer ein, weil die Helligkeit an beeden limbis gewesen, wo die Atmosphaera terrae sich leichter verändern könne. Des P. Nic. Grammatici Dissert. habe ich noch nicht gekriegt.[16] Ein Buchhändler, hat mir auf das neue Hoffnung darzu gemacht, und will ich sehen, ob er sein Wort hält. Es ist leicht zu erachten, daß ich mich sehr habe wundern müssen, wie ich gehöret, daß Hl Schütze nach Franckfurt käme.[17] Gönnen Sie ihm diese Ehre, sie wird ohnedem nicht viel zu bedeuten haben. Er hat mir in seiner Zuschrift seine Freundschaft u: seine dienste angebotten, um den Calculum Eclips. 1 Sat. ♃ zu erlangen: und ist mir lieb, daß Ew. HochEdl. er die Antwort hat lesen lassen, ob es gleich auf seiner Seite eine große Schwachheit zu nennen ist. Ich berief mich darum auf Sie, damit er wissen möchte, daß wir mit einander bekand seyn, und zweifelte ich, ob er Ihnen den Anfang meines Briefes kund tuhn würde. Hl. Manfredi[18] hat mir schon A.o 1719 kund getahn, daß die Epocha correcta Tabb. Cassini zu Paris, vom 1 Sat. ♃ 1.d 1. h 12' 20'', die No 1 1878 wäre. Von P. Nicasio Grammatico[19] aber erfuhr ich, es sey nach Maraldi[20] Verbeßerung, die Epocha den 1 Jan. 1.h 13.' 12'' der N.o I 1863, der motus annus 1.d 8.h 40.' 4'', die größe semimora in umbra h1. 8.' 20'', die minima h1. 2.' 20''. Der P. Nicasius, vermehret hiebey die Aequ. primam, nur noch um d 60sten theil u: inferiret. Wie 225.4 ad 360o. ita numerus II corr. ad quartum ferner ut Sin. tot. ad Sinum secundum der erst gesuchten Grade, also 3.' 30'' zur gesuchten 3 aequation, welche zur Im- oder Emersion addiert wird, wenn N.o II. corr. größer als 56.3

[Bl. 132v]
und kleiner als 169.0 oder er subtrahiert sie, wenn gedachter Num. II kleiner als 563. oder größer als 169.0 ist. Gestehet aber gleich wol, daß diese Corr. den observatonibus noch kein Genügen leiste. Dieses ist die Correction, davon ich oben im Anfang meines Briefes Erwehnung getahn: von der Parallaxi Cometam etwas zu gedencken, sahe ich schon im Voraus, daß ich dergl. Antwort darauf kriegen würde. Denn es war mir bereits aus Hevelii Cometographia bekand, wie schwer und weitläuftig sie zu suchen, doch meinte ich, Sie wißten vor mein Compendium eine leichtere Methode. Die Materie von ortu et occasum Planetarum, nebst der mora ihrer Sichtbarkeit, habe ich schon in dem Supplemento des Astronomischen Handbuches, doch ohne Tabellen abgehandelt.[21] Weil ♀ Latit. auf 10o gehet, wird man wol dergl. Tabulas als Sie mir communiciret, darauf richten müssen. Ich glaube, es sey zu dieser Materie hinlänglich, wenn man, die Rechnung der Tabellen zu ersparen diejenigen adhibiret, welche in dem Strauchio[22] oder im Vitali[23] stehen, ob sie schon Obliquitatem Eclipticae von 30o. 32' zum Grunde haben. Sie gestehen selber es verlohne sich der Mühe nicht alles accurat zu suchen, indem sich das facit nicht observiren lässet. Manfredi Ephemerid. sollen, wie ich gehört schon biß 1737 fertig seyn, und der andre Theil, zu Ende des Jahres folgen.[24] Den Fehler im ☽lauff des 23 Oct. dieses Jahres, habe ich auch angemerckt, da ich den ortu et culmin. ☽. vor den 21 Oct. berechnet. Sed errare humanum est, und lassen sich solche fehler bald mercken. Ms. de l'Isle, wird jetzt auf der Reise nach Petersburg seyn, wo er sich aber nicht länger als 6 Monathe aufhalten wird.[25] Der Tod des seel. Hl. von Wurtzelbau, wird der Astronomie hier einen großen Stoß geben, denn Hl. P. Dop. tuht nichts darinnen: und ich, kan nichts tuhn, so begierig als ich auch wolte, weil es mir an Instrumentis fehlet. Die Erben des Hl. von Wurtzelbau, werden die seinigen behalten, einschließen, und einen Käuffer erwarten, der Ihnen, nach der Eigenschaft ihres übermäßigen Eigennutzes, eine große Summa dafür auszahlt. Mich düncket aber, sie dürften es mit der Zeit schon näher geben. Der gute Mann hat nicht gemeint, daß er sterben würde, ob man es ihm gleich gesagt, vielleicht dürfte er sonst anderst damit disponiret haben. Im Übrigen, empfehle mich Ew. HochEdl. Wolgewogenheit, und beharre Lebenslang mit dem aufrichtigsten Gemühte.

Ew. HochEdl.

Nürnberg. d 21 Sept. 1725.

ganzt ergebenster und verbun=
denster diener.   

Joh. Leonh Rost


Fußnoten

  1. 1724 feierten die Protestanten und die Katholiken nochmals an verschiedenen Terminen Ostern. Rost hatte im Voraus als einer der ersten auf diese Differenz aufmerksam gemacht.
  2. Falck, Joseph: Animadversiones P. Josephi Falck Societatis Jesu Circa Dubium quod Inter Acatholicos Oritur ratione Paschatis anni 1724. München: Riedl 1723.
  3. Der Theologe und Mathematiker Johannes Gaupp (1667-1738) aus Lindau war einer der wichtigsten Briefpartner von Rost. Über Gaupps Vorhaben hat er schon im PS seines Briefes vom 6. April 1725 an Kirch berichtet.
  4. Pounds Tabellen finden sich in: Nova litteraria in Supplementum Actorum Eruditorum für 1721, Suppelementum Semestris II, S. 209-220. Darauf hatte Rost schon im Brief vom 20. April 1722 aufmerksam gemacht.
  5. Im erwähnten Supplement, S. 197 schreibt Rost, dass er die Tabellen von Pound aus Platzmangel nicht im gewünschten Umfang einverleiben konnte, vgl. a.a.O. Tabelle 6-11.
  6. Der Jesuit Nicasius Grammaticus (1684-1736) lehrte Astronomie in Ingolstadt.
  7. Im Brief vom 6. April 1725 steht hier eindeutig 9. 59. 11.
  8. Wurzelbau ist am 21. Juli 1725 gestorben. Bei der angesprochenen Sonnenfinsternis handelt es sich um die vom 22. Mai 1724.
  9. Rost, Johann Leonhard: Curieuse Vorstellung und Beschreibung der grossen sichtbaren Sonnen- oder Erd-Finsterniß Anno 1724. [Montag] d. 22. May. Nürnberg: Adam Jonathan Felßecker 1724.
  10. Christian August Hausen der Jüngere (1693-1743) lehrte Mathematik in Leipzig..
  11. Dieses Thema sprach Rost im Brief vom 2. Juni 1724 an.
  12. Gemeint ist der ungarische Mediziner Friedrich Liefmann (?-1743), der in Bautzen praktizierte.
  13. Sebastian Alischer war Mediziner in Jauer. Zum Thema vgl. Rosts Brief vom 2. Juni 1724.
  14. Der Mediziner und Botaniker Johann Georg Siegesbeck (1686-1755) war zuerst in Seehausen bei Magdeburg tätig, dann Stadtphysicus in Helmstedt. Späpter ging er an die Akademie nach St. Petersburg.
  15. Vgl. dazu Rosts Brief an Kirch vom 21. Dezember 1724.
  16. Grammaticus, Nicasius (Präses); Schreier, Josef (Respondent): Exercitatio De Cometa Anni 1723. Ingolstadt: Grass 1724. Vgl. den Brief von Rost an Kirch vom 21. Dezember 1724.
  17. Johann Georg Schütz (?-1730) wurde 1720 neben Kirch als Observator der Sozietät angestellt. Kirch sollte ihn einarbeiten. 1725 ging Schütz als Professor für Mathematik nach Frankfurt an der Order.
  18. Eustachio Manfredi (1674-1739) lehrte Astronomie in Bologna.
  19. Der Jesuit Nicasius Grammatici (1684-1736) lehrte Mathematik in Ingolstadt.
  20. Der italienisch-französishe Astronom Giacomo Filippo Maraldi (1665-1729) arbeitete am Pariser Observatorium.
  21. Siehe die 3. und 4. Aufgabe in Rosts Aufrichtigen Astronomus vn 1727, S. 9-15.
  22. Strauch, Aegidius (1632-1682): Doctrina astrorum mathematica. Wittenberg; Christian Kreusig 1696
  23. Vitali, Girolamo (1624-1698): Lexicon Mathematicvm, Astronomicvm, Geometricvm, Hoc est Rerum omnium ad utramque immo & ad omnem fere Mathesin quomodocumque spectantium, Collectio, & explicato. Paris: Billaine 1668.
  24. Manfredis Ephemeriden erschienen in zwei Bänden: Tomus I: 1726-1737; Tomus II: 1738-1750.
  25. Offenbar sollte sich Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) nur wenige Monate in Petersburg aufhalten. Tatsächlich kehrte er erst 1747 wieder nach Paris zurück.