Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 22. Mai 1725
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 129r-130v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
  Hochgeehrtester Herr
   Hochgeschätzter Freund und Gönner.

Ew. HochEdl. bin ich zu schuldigsten Danck verbunden, daß dieselbige sich abermals die Mühe gegeben, mir eine Portion Stahlischer Pillen zu verschaffen.[1] Ich habe die Bezahlung dafür sogleich bey der Uberlieferung geleistet, und bin bereit Ihnen dargegen in andren fällen hinwiederum zu dienen. Daß aber Ew. HochEdl. wegen unterlaßener weitläuftiger Beantwortung meiner Briefe sich entschuldiget, wäre nicht nötig gewesen. Denn ich kan mir Dero Labores leicht einbilden, und will ich mich gar gerne gedulten, biß die Calender Arbeit vorbey ist. Da Sie inzwischen die gütige Erklärung getahn, mir als denn in meinen petitis zu willfahren, so habe ich mich der Freyheit unterfangen wollen, mir auch noch über nachfolgenden Scrupel, Dero Judicium auszubitten. Sie meldeten mir nehmlich einsmals, daß der ortus et occasus Planetarum,[2] ex quasi motu diurno seu differentia ortus et occasus, inter diem datum et sequentem per partem proportionalem hergeleitet würde, welches ich nun gar wol begriffen: allein es ist die Frage: ob der pars proportionalis, dem Auf- und Untergang des gegebenen Tages allezeit, h. e. auch alsdenn addirt werden mus, wenn der ortus et occasus diei sequentis, vom Mittage an, zeitlicher als die praecedente geschiehet? Denn ob ich schon weis, daß von der gleich anfänglich gefundenen Zeit deß ortus et occasus, biß zu der per proportionem erlangten, der locus Planetae sich

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verändert, so düncket mich, wenn der Planet den folgenden Tag, früher auf- und untergehet, daß man part-prop. von der Zeit des folgenden Tages auch abziehen, und ihn addiren mus, wenn sich der ortus vel occasus die sequente später ereignet. Ein gleiches verstehe ich, von der Zeit der Cumlination, davon jedoch der ☽ ausgeschloßen. Ich bin auch auf den Gedancken gerathen, daß man Cumlinationem, ortum et occasum Lunae, wenn man sich die Mühe geben will, u: wofern man die Momenta näher begehret, also überkommet, wenn man nehmlich auf das per proportionem gefundene tempus, aufs neue ex ascensione recta ☽ et ☉ u: ex differentia ascensionali, die Zeit suchet, da er cumliniret, oder auf- und untergehet. Bey den übrigen Planeten, ist es freylich eine vergebliche Arbeit zu nennen, zu mal so man nur, wie es auch in hac materia nicht anderst erfodert wird, nur in minutis primis rechnet: inmittelst rede ich nur von der operation, und wie man handeln müste, oder könte, wenn es so seyn solte.

Die Zeit der Sichtbarkeit der Planeten zu bestimmen, hat mir anfänglich nicht in den Kopf gewolt, weil ich nicht wußte, wie die Declinatio ☉ zu erfahren, da sie noch so viel Grad unter der Erden stehet, als der arcus visionis des Planeten es erfodre: allein ich besann mich hernach, daß man ohne Besorgung eines fehlers, die Declinationem ☉, zur Zeit ihres Auf- oder Untergangs, oder wol gar in meridie praetento hierzu nehmen dürfte: und da fand ich dann auch, daß ich mich nicht betrogen. Ich glaube, daß man durch die Tab. 22 pag. 273 meines Astronomischen HandBuches, ohne große Mühe, eine Tab. Ascens. rectarum et adhibita differentia ascensionale pag 257 eine Tabulam Ascensionum et Descensionum obliqu. vor die Planeten machen, und nach Ew. HochEdl. Methode, die arcus semidiurnos zu obiger Rechnung nehmen könte. Ich begehre durchaus nicht, daß Sie sich die Mühe geben sollen, Ihre Tabulas mir abzuschreiben, sondern nur von jeder vor 1 oder 2 grad, die Zahlen mit ihren dignis zu setzen, damit ich nur die Einrichtung und Ordnung derselben sehe, um die meinigen auf hiesige Polus Höhe zu machen. Die Tab. pag. 60. 61. Ihrer teutschen Ephemeridd. A.o 1714[3] muthmaße ich, nehme ihren Ursprung von dem Unterschied der Differentiae Ascen-

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sionalis, zwischen der gegebenen und einer andren Pol Höhe: und wenn ich mich darinnen nicht irre, so fällt es leicht, die ortus et occasus (nescio an etiam culminationes) sub data Poli altitudine, auf andre zu reduciren, da ich jüngst einige ortus, occasus u: culminationes, aus den Ephemeridibus Manfredii[4] berechnete, und sie hernach mit den Numeris von Ew. HochEdl. Astronomischen Wahrsager[5] collationirte, traffen sie noch so ziemlich nahe miteinander überein. Ich procedirte wie es Crügerus gelehret[6] es kan aber wol seyn, daß ich mich in Kleinigkeiten geirret, oder daß in dem bemelten Calender Druckfehler enthalten: Eben daselbst im Anfangs Cap. 1. NB 3. ist ein Verstoß fürgegangen, weil die Sichtbarkeit ♄ et ♀ zu Abends angegeben werden, da sie doch matutina gewesen. Was Sie alldort von der Latit. ♀ in den Ephem. Ghislerii[7] gemeldet, das gibt mir Anlaß zu melden, wie es klärlich scheinet, als ob in den Ephemeridd Manfredii, und zwar im Septemb. u: Oct. hujus anni, ein error eingeschlichen, da man ihre Declinationem mit der Delineatione ♂ verwechselt, es wolte mir dahero die Rechnung des ortus et occas. ♀ um selbige Zeit, gar nicht gut tuhn, biß ich die Ursache offenbahrte.

Wenn Hl. Prof. Wagner, Ew. HochEdl. auch so fleißig wie mir schreibet, so werden Sie gedencken müßen, er sey gar gestorben.[8] Ich habe in langer Zeit, keine Zeile von ihm gelesen. Mit dem Observatorio in Leipzig, möchte es wohl noch seinen Fortgang gewinnen, weil die Sache in so weit auf einem guten Fuße stehet.[9] Sonder Zweifel werden Ew. HochEdl. zuverläßige Nachricht haben, wie ehemals Hl Kolb, die Länge und Breite das Cap. Bon. Spei aus seinen Observationibus bestimmet hat. Aus einer von ihm allda 1705 d. 20 Nov gemeßnen alt. merid. β ♈. finde ich die Latitudinem 33. 49. 27. und aus einer Alt. ☉ merid. 1706 d. 19 Jan. 33. 48. 40. Herr von Wurzelbau sagte mir, er habe ex observatis ibidem Solaribus, Lyrae etiam, Aquilae Aldebarae, Capellae, Orionis Rigel ejusque humeri et fini altitudinibus meridianis inter se collatis et conciliatis, die Elevationem Poli austrini 33.o 46' deducirt, da man sich doch insgemein vor 34o. 15' und also ½ gr. höher angiebt. Mit der

[Bl. 130v]
Longitudine siehet es ebenfalls sehr ungewiß aus, und will mich düncken, Hl Kolb habe entweder das officium exacti observatoris nicht beobachtet, oder seine Instrumenta sind nicht tauglich gewesen, oder es steckt sonst eine Ursache darhinter, warum er nicht zu was beßers beförderlich gewesen. Hl. von Wurzelbau fragte mich schon öfter, wo die Kolbischen Instrumenta hinkommen seyn: ich konte ihm aber keine andre, als Hl. Kolbens eigene Antwort geben, daß er sie am Capo bey der Holländischen Compagnie zurück gelaßen, und doch verlautet, er hätte sie wieder mit in Europa gebracht. Daß Msr. de l'Isle der Zeit in Engelland gewesen und sich mit Hallejo wegen der Theoriae ☽ besprochen, werden Ew. HochEdl. vielleicht schon wißen. Halleji Tabulae Astronomicae sind zwar gedruckt, weil aber sein motus ☽ der sich auf Newtons principia gründet, annoch vom Himmel abweichet, will er sie nicht eher publiciren, biß er ihn vorher genugsam corrigiret hat. Ob Hl. Prof. Rast,[10] noch in rerum natura, möchte ich auch wißen, und wenn Ew. HochEdl. einmal Gelegenheit habe, so bitte ihn meiner beständigen Ergebenheit zu versichern. Eben dieselbe, widme ich auch Ew. HochEdl. und hoffe von Ihnen, die Erlaubnis zu kriegen, daß ich lebenslang mit dem aufrichtigsten Gemüthe beharren darf.

Ew. HochEdl.

  Nürnberg.
d. 22 Maji. 1725.

getreuster und verbun=
denster diener. 

Joh. Leonhard Rost.


Fußnoten

  1. Bereits im PS des Briefes vom 17. Oktober 1720 bat Rost Kirch Pillen des bekannten Mediziners Georg Ernst Stahl (1659-1734) zu übersenden. Seitdem taucht dieses Thema ständig in den Briefen auf.
  2. ortus et occasus Planetarum: Der Auf- und Untergang der Planeten. Im Folgenden geht es um Details von deren Berechnung.
  3. Kirch, Christfried: Teutsche Ephemeris auf das Jahr 1714-1716. Worinnen nicht nur der Lauff der Planeten in Länge und Breite, sondern auch derselben sichtbarer Auf- und Untergang ... und andere nützliche astronomische Rechnungen zu finden. Nürnberg: Endter 1714.
  4. Manfredi, Eustachio (1674-1739): Ephemerides Motuum Coelestium ex Anno 1715-25. Bologna: Pisarii 1715.
  5. Gottfried Kirch brachte ab 1677 unter dem Namen Georg Fabricius den Warhafftigen Himmels=Bothen oder Astronomischen Wahrsager heraus. Nach seinem Tod scheint der Sohn die Reihe fortgeführt zu haben, ab 1743 wurde sie von Michael Adelbulner (1702-1779) herausgegeben. Vgl: Herbst, Klaus-Dieter: Kommentiertes Verzeichnis der Schreibkalender für 1701 bis 1750 im Stadtarchiv Altenburg (= Acta Calendariographica - Forschungsberichte, Band 3). Jena: HKD 2011, S. 17f.
  6. Crüger, Peter (1580-1639): Doctrina astronomiae sphaerica praeceptis methodicis et perspicuis per globum, tabulas, trigonometriam tam veterem quam logarithmicam explicata ac demonstrata. Danzig: Huenefeldt 1635.
  7. Ghisilieri, Antonio (1685-1734): Ephemerides motuum coelestium ab anno 1721 ad annum 1740. Bologna 1720.
  8. Aus den Jahren 1724 und 1725 besitzt die UB Basel nur jeweils einen Brief von Wagner an Kirch, nälich vom 20. Juni 1724 sowie vom 24. März 1725. Der nächste Brief datiert vom 9. Januar 1726.
  9. Vgl. hierzu Rosts Brief vom 6. April 1725.
  10. Georg Heinrich Rast (1595-1726) aus Königsberg war ein deutscher Astronom. Kirch hatte Rost mit Brief vom 26. September 1718 Grüße von ihm ausgerichtet, und angeboten Briefe an ihn weiterzuleiten.
    ADB XXVII, 1888, S. 337f. (Autor: Sigmund Günther);
    Buck, Friedrich Johann: Lebens-Beschreibungen derer verstorbenen Preußischen Mathematiker. Königsberg, Leipzig: Hartung und Zeise, S. 155-158.