Briefwechsel Johann Carl Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Carl (1690-1731)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 20. Dezember 1730
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 166r-v, 171r-v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
   Hochgeehrtester Herr,
     Hochgeschätzter Gönner.

Ew. HochEdl. mir gütigst übermachtes Exemplar Dero auserlesenen Observationum Astronomicarum[1] etc. gleich wie auch den Astronomischen Calender,[2] ingleichen den Brief von Mr. de l'Isle[3] und noch wiederum 2 Schächtl. Stahl. Pillen,[4] habe alle samt durch die Enderische[5] gantz richtig erhalten. Gleich wie ich vor die letzen jedesmahl so gleich die Bezahlung erlegt, und nun schon auf ein halb Jahr damit versorgt bin: also wolte wegen der andern Stücke gar gerne auch die Kosten tragen, damit Ew. HochEdl. Generosität würdigeren freunden nicht möchte entzogen werden. Indessen dancke schönstens für alles und bleibe ein fest verbundener Schuldner. Es freute mich nicht wenig, wie in Dero observation der ocultationis ♀ a ☽ d. 19 Sept. sahe, daß Sie den Diameter ♀ aus der mora immersionis 22 sec gefunden, der sich mir aus dem appulsu centri ♀ ad limbum Lunae und ihrer scharff attentierten plenaria occulatione trigonometrice berechnet, eben auch 22 sec ergeben.[6] Ich würde, um mich zu exerciren, aus dieser Bedeckung die differentiam

[Bl. 166v]
meridianorum ziehen; es ist mir aber die Methode wegen der dabey vorlauffenden Parnnaxien[7] nicht zur gnüge bekandt. Ew. HochEdl. würden mich obligiren, so Sie mir irgend einen Autoren anzeigen möchten, der es am leichtesen vortrüge. Das Schreiben des Herrn de l'Isle war allerdings die Antwort auf mein ehemaliges.[8] Der liebe Mann beginnet einen Zweiffel an der differentia Meridianorum zwischen Paris und Nürnberg des Herrn v Wurtzelbau zu spüren, da ich ihm aus 8 zugleich mit ihm in Petersburg fein observirten Eclipsibus Satellitis Iten Jovis die Differentiam temporarium zwischen hier und Petersburg 1.h 16.' 21 oder 22'', nehmlich, das Mittel von 1.h 16.' 12.'' 1.h 16.' 10.'' 1.h 17.' 7.'', die jedoch etwas dubia, 1.h 16.' 8.'' 1.h 16.' 26.'' 1.h 15.' 58.'' 1.h 16.' 9.'', und 1.h 16.' 43.'' vorgestelt; woraus der einige Unterschied mit hier und Paris entspringet. Er muntert mich immer auf nicht nur in dieser Gattung Untersuchung fort zu fahren, sondern auch zugleich zu einer gantz neu anzustellenden der hiesichen Elevationis Poli und refraction, weil ihm die Wurtzelbauische nicht eingehen will. Allein, ausser dem daß mir hierzu verschiedene media fehlen, so glaube schwerlich daß ich beyden gedachten stücken etwas accurateres zu gewinnen seyn dürfte, wie aus vielen Umständen zu urtheilen. Auf die continuation der Miscellaneor., warte sehnlich, weilen vermuthlich viel schönes darinnen begriffen; bin anbey Ew. HochEdl. sehr verpflichtet, daß Sie meine geringfügigkeiten dazu einliefern wollen.[9] Meine noch anhaltende kränckliche Leibes=Beschaffenheit vergönnte

[Bl. 171r]
mir hier durchgehends nichts, als mit[10] Mühe das bißchen Sonnen Finsternis den 15 Jul. zu erreichen;[11] daher vor diese mahl weder vor Ew. HochEdl noch erwehnten Hl. de l'Isle mit etwas aufwarten kan. Weiß nicht ob mir Gott künftig Kräffte dazu giebt. Weil er mir gemeldet: c'est par Mr. Kirch que je vous fais tenir cette lettre, vous pouvez lui adresser la reponse, que vous voudrez bien faire,[12] so werde so frey seyn müssen Ew. HochEdl. zu beschweren; doch wird es so geschwinde nicht geschehen können, weil seinen mannigfaltigen Begehren Genügen zu leisten, etwas Zeit erfordert. Die Herrn Hofrath Stahl betroffene Trauer=Fälle,[13] haben mich und andre freunde gerühret. Sie scheinen eine Sache des Tods zu seyn, da er ihm immer einen so importanten Abbruch zu zu fügen geflissen. Von den freisinger opticis habe unlängst erfahren, daß der eine zwar noch lebt, der andere und ältere aber, der die beste Arbeit ausgefertigt, gestorben.[14] Daß seine lentes gut, ist nicht nur überhaupts richtig, sondern erhellte auch daraus, daß ich zu Ende des Septembers mit meinem 12 schuhigen Tubo schon wieder um einen schmalen Strich vom annulo ♄i aufs deutlichste wahrgenommen. Von Hl M Mercklins Invention habe weiters nichts gehöret.[15] Er wird vermuthlich mit der Eröffnung so lange pausiren, als Holzhey mit seinen Mittags Linien, die mir nicht recht behagen.[16] Was bedüncket aber Ew. HochEdl. von dem Vortrage eines Medicini[17] zu Seehausen, welcher in den Breßlauischen Samml. 36 Vers. pag 445 seqq.

[Bl.171v]
dem Systemate Copernicano, wie nicht minder im 2 Supplement zu selbigen Sammlungen, den bisherigen Meynungen von den Nord=Lichte den Ruin dräuet?[18] Er möchte so gern eines besseren berichtet seyn, daß sich billich jemand bringen lassen solte, ihn seiner Bitte zu gewähren. Ew. HochEdl. würden ihm ohnfehlbar einen besonderen Gefallen erweisen, so Sie sich dazu verstünden. Inmittelst wünsche von Hertzen, der Höchste wolle Ihnen mit dem Neuen Jahr ungestörte vollkommene Gesundheit nebst allen übrigen beglückten und gesegneten wohlergehen zueignen; mich aber geruhen Sie dabey in Dero fernern Gewogenheit zu bestätigen, und zu erlauben, daß ich seye

   Ew. HochEdl.
     Meines Hochgeehrtesten Herrn
       und Hochgeschätzen Gönners

Nürnberg den 20 Dec.
             1730.

gantz ergebenster und gehorsamster
diener
Rost. Dr.


P.S.

Eben da dieses Blat zu sigeln gesonnen, kriege ich gegenwärtiges hie mit erscheinendes Päckchen von gebackene Pfeffer=Kuchen zu Handen, die aus unserer berühmtesten Fabrique, und zu diese Saison am angenehmsten seyn sollen. Ich dachte sie gleich wie sie sind, Ew. HochEdl. zu überschicken, daß sie selbige mit gutem Appetit verzehren möchten.


Fußnoten

  1. Kirch, Christfried: Observationes Astronomicae Selectiores, In Observatorio regio Berolinensi Habitae. Berlin: Haude 1730.
  2. Seit 1702 gab Gottfried Kirch den Astronomischen Kalender heraus, der von seinem Sohn fortgeführt wurde. Vgl. den Eintrag zu Gottfried Kirch im Biobiliographischen Handbuch der Kalendermacher von 1550 bis 1750.
  3. Der französische Astronom und Kartograf Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) hielt sich in St. Petersburg auf. Rost zitiert unten aus einem Brief von ihm, worin er aufgefordert wurde, den Briefwechsel über Kirch abzuwickeln.
  4. Schon im Brief vom 17. Oktober 1720 hatte der Bruder Johann Leonhard Rost Kirch um Zusendung Stahlischer Pillen gebeten. Das Thema taucht seitdem wiederholt in den Briefen auf.
  5. Die Endter waren eine bekannte Buchhändlerfamilie in Nürnberg.
  6. Rost, Johann Carl: Immersio Veneris sub Luna, ejusque Emersio, A. 1729. d. 19. Sept. interdiu observata Norimbergae. Miscellanea Berolinensia, Bd. 4 (1734), S. 114-116.
    Kirch, Christfried: Observationes Astronomicae Selectiores. Berlin: Haude 1730, S. 37f..
  7. Anspielung auf den Parnassus, der fast 2500 m hohe Gebirgsstock in Zentralgriechenland.
  8. Rost hatte Delisle am 18. September 1729 geschrieben, vgl. seinen Brief vom 19. September 1730.
  9. Der dritte Band der Miscellanea Berolinensia ad incrementum scientiarum war 1727 erschienen, der vierte Band kam erst 1734 heraus, Johann Carl Rost erlebte dessen Publikation also nicht mehr. In diesem vierten Band finden sich zwei Beträge von Rost:
    S. 107-114 seine Beobachtung der totalen Mondfinsternis vom 8. August 1729,
    S. 114-116 seine Beobachtung der Bedeckung der Venus durch den Mond vom 19. September 1729.
  10. Im Orginal: mit mit.
  11. Rosts Beobachtungen der partiellen Sonnenfinsternis vom 15. Juli 1730 finden sich in den Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen vom 2. Oktober 1730, S. 693f.
  12. Rost hat den Brief von Delisle über Kirch erhalten und soll auch seine Antwort über Kirch zusenden.
  13. Die dritte Ehefrau von Georg Ernst Stahl (1659-1734), Regina Elisabeth Wesener, ist am 10. November 1730 gestorben.
  14. In Freising hatten Christian Mur (1635-1721) und Johannes Sterr (um 1667-1746) ihre optische Werkstatt eröffnet.
  15. Zu Mercklein und seiner Erfindung siehe den Brief vom 19. Dezember 1729.
  16. Zu Holzheu siehe den Brief vom 21. September 1719.
  17. Johann Georg Siegesbeck (1686-1755) war damals Botaniker und Mediziner in Seehausen.
  18. Unvorgreiffliche Gedancken von denen Ursachen der Entstehung des so genannten Luminis Borealis, insonderheit auf Veranlassung der ohnlängst ans Licht getretenen Historischen Demonstration und Anmerckung über die Eigenschaften und Ursachen des Nord=Lichts Herrn M. Jens Christian Spidbergs / wohl=meritirten Probsts zu Christians=Sand in Norwegen / entworffen. Supplementvm II. Curieuser und Nutzbarer Anmerckungen Von Natur- und Kunst=Geschichten. Bautzen: David Richter 1728, S. 51-67