Briefwechsel Johann Carl Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Carl (1690-1731)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 19. September 1730
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 164r-165r
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
   Hochgeehrtester Herr,
     Hochgeschätzter Gönner.

Ew. HochEdl. bin ich noch zu benachrichtigen schuldig, daß die durch Dero Güte procurirte Stahlische Pillen bestens empfangen,[1] und die Endrischen[2] so gleich davor contentirt habe. Ich mußte aber solches so wohl, als den geziemenden Danck, welchen hiemit auf das nachdrücklichste davor abstatte, nebst meinem Anerbieten zu Beobachtung dero Befehle, die mir dagegen ausbitte, bis gegenwärtig ausstellen, weilen ich an einer langwierigen febre quotidiana[3] mit hartnäckigstem Husten, die ich mir durch nächtliche Erkältung bey der occultatione Plejadum vom ☽ den 6 Nov. 1729 zugezogen, vom Ende des Martii an, in die 5 Monathe hart kranck darnieder gelegen, und nur vor etlichen Wochen erst wiederum etwas aufgemacht; wie wohl ich noch nicht völlig aller Beschwernis befreyet bin, und daher nichts wichtiges unternehmen kan. Da nun diese Zeit über meine ordentlichen Geschäfte nicht zu bestreiten vermögend war, mußte mich um so mehr der Astronomischen Dinge begeben, daß also Ew. HochEdl. diesmahl nichts liefern kan. Die neuliche Sonnen Finsternis den 15 Jul. frühe, war wegen des bewölckten Horizonts nicht gleich vom Aufgang der ☉ an zu sehen, sondern wohl ¾ Stunden hernach erst, da sie bereits sehr abgenommen.[4] Der um 4.h 51.' 55'' aus ☉ Höhen corrigirten Zeit, war die Verfinsterung noch 2o 56'.

um 4. 54. 34. ....... 2. 19.  
  4. 56.  1. ....... 2.  1  
  4. 59. 31. ....... 1. 28  
  5.  2. 36. ....... 1.  3  
  5.  5. 54. Das Ende. Den Diametrum ☉ habe 32.' 14'' gefunden,

[Bl. 164v]
und die quantitates mit dem Micrometro filari durch einen 5 bis 6 schuhigen Tubum gemessen. Von den Maculis die eben vor der ☉ waren, ist inzwischen keine afficirt worden. Ew. HochEdl. bin ich vor die Hochgeneigte Erinnerung, wegen meines vermuthlichen Irrthums in Bestimmung der Distantiae centrorum und Quantitatis Eclipseos lunar. den 8 Aug. 1729 sonderbar obligirt. Es mag wohl seyn, daß mich weis nicht wo etwan verstossen, welches aber meiner noch immer anklebenden empfindlichen Schwächligkeit halben nicht hinlänglich untersuchen kan.[5] Solte demnach irgend die geringfügige observation künfftig noch die Ehre haben, dem neuen Theile der Miscellaneorum einverleibt zu werden,[6] so geruhen Ew. HochEdl. diese zweiffelhaffte Puncte entweder gar auszutilgen, oder sie nach Dero berühmten geschickten Einsicht einiger massen zu verbessern. Von dem Exemplar Dero gehaltenen observationen habe pro temp. noch keines,[7] dancke jedoch verbundenst davor. Von des Hl. M. Merckleins neuen Perspectiven, ist mir ausser dem letzt publicirten nichts bewust.[8] Es scheinet der Mann vor sich und einer Kunst Hochachtung zu haben, und die Leute nur lüstrend zu machen; vielleicht kömmt er aber ein mahl freygebischer, wie Hl Holtzhey mit seinen so geheim gesagten Mittagslinien.[9] Ob von den guten freißinger lentibus frisch etwas zu erhalten, zweifle gar sehr, massen der vornehmste solcher opticorum, namens Murr, schon vor etlichen Jahren gestorben; sein Consorte Sterr aber alt und fast nicht recht mehr brauchbar war, und ich nicht glaube, daß er noch lebe.[10] Nun haben sie zwar ein paar Jungens von ihren Freunden adoptirt, um ihnen ihre Kunst bey zu bringen, allein sie werden es schwerlich so weit gebracht haben, wie ihre Lehrmeister; wenigstens ist mir noch

[Bl. 165r]
nichts von ihnen zu Gesichte oder Ohren gelanget; ist mir auch der Preiß der Tuborum nicht genauer bekandt, als ihn mein seel. Bruder in seinem Astronomischen Hand=Buche pag. 349. angezeiget. Ich werde mich indessen gleichwohl bestreben, wo möglich, Ew. HochEdl. von des verstorbenen Meisters Arbeit sonsten wo etwas aufzusuchen, weil man doch dann und wann ungefehr noch etwan einiges antrifft; nur wünschte, daß ich solches bald praestiren und damit aufwarten könnte, um dadurch Ihnen meine Obliegenheit zu bezeugen, der in eifriger Empfehlung zu Dero ständigen Wohlwollen bin.

   Ew. HochEdl.
     Meines Hochgeehrtesten Herrn
       und Hochgeschätzten Gönners

Nürnberg den 19 Sept. 1730.

gantz ergebenster und gehorsamster
diener Rost.

Von Hl de l'Isle habe schon über Jahr und Tag keinen Brief empfangen. Wenn irgend Ew. HochEdl. an Ihn schreiben, so ersuche höflich ihn zu berichten, daß ich es den 18 Sept. 1729 an ihn gethan, mit beygelegten verschiedenen observationen, die ich aber zweiffelte, ob er sie gekriegt, weilen er nicht darauf geantwortet.[11]


Fußnoten

  1. Schon im Brief vom 17. Oktober 1720 hatte der Bruder Johann Leonhard Rost Kirch um Zusendung Stahlischer Pillen gebeten. Das Thema taucht seitdem wiederholt in den Briefen auf.
  2. Die Endter waren eine bekannte Buchhändlerfamilie in Nürnberg.
  3. Das Febre quotidiana ist laut Zedler "das tägliche Fieber, welches ohne Abwechselung den Patienten angreift".
  4. Vgl. Rosts Beobachtungen der partiellen Sonnenfinsternis vom 15. Juli 1730 in den Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen vom 2. Oktober 1730, S. 693f.
  5. Vgl. den Brief vom 31. März 1731, in dessen Anhang Rost die möglichen Fehler diskutiert.
  6. Der vierte Band der Miscellanea Berolinensia ad incrementum scientiarum kam erst 1734 heraus, Johann Carl Rost erlebte dessen Publikation also nicht mehr. Darin findet sich S. 107-114 seine Beobachtung der totalen Mondfinsternis vom 8. August 1729.
  7. Kirch, Christfried: Observationes Astronomicae Selectiores, In Observatorio regio Berolinensi Habitae. Berlin: Haude 1730.
  8. Zu Mercklein und seiner Erfindung siehe den Brief vom 19. Dezember 1729.
  9. Zu Holzheu siehe den Brief vom 21. September 1719.
  10. In Freising hatten Christian Mur (1635-1721) und Johannes Sterr (um 1667-1746) ihre optische Werkstatt eröffnet. Sterr war damals 63 Jahre alt und sehr wohl noch am Leben, worauf Rost dann auch im Brief vom 20. Dezember 1730 hinwies.
  11. Im folgenden Brief vom 20. Dezember 1730 zitiert Rost dann aus einem Brief von Delisle, den er über Kirch zugesandt bekam.