Briefwechsel Johann Carl Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Carl (1690-1731)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 31. März 1731
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 172r-173r
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
   Hochgeehrtester Herr,
     Hochgeschätzter Gönner.

Ew. HochEdl. geneigter Erlaubnis zu folge, unterstunde ich gegenwärtiges an Mr. de l'Isle[1] bey zu senden, mit geflissenstem Ersuchen, Ew. HochEdl. geruhen es gelegentlich an ihn abzufertigen; vor welche Gütigkeit sehr verbunden, auch bereit seyn werde, selbe nach Dero Befehl durch meine dienste gebührend zu verschulden. Das letzere Schächtl. Stahlischer Pillen[2] ist mir hier von den Enderischen[3] richtig ausgeliefert worden, und habe so gleich die Kosten dafür erlegt: da indessen höchlich deswegen obligirt bleibe: und weil ich nun so bald keine mehr nötig haben dürfte,[4] so belieben Ew. HochEdl. sich künftig nicht weiter damit zu beschweren, bis etwa ein mahl die Freyheit nehme, mir wiederum etwas davon auszubitten. Daß Ew. HochEdl. Ihre Observation der neulichen Sonnen=Finsternis[5] zur Erfindung der differentiae Meridianorum so umständlich ausgearbeitet, und zu publiciren gesonnen, freut mich sonderbar, und wünsche, daß es nun bald geschehen möchte. Zu bedauern ists, daß die mehresten der schönsten solchen Begebenheiten, so grosse Schwierigkeiten im calculo

[Bl. 172v]
seyen, welche die Köpffe ziemlich schwächen, so man die Sache zu scharff treibet; indessen sind wir doch geschaffen, daß wir unsere Sinne nützlich anwenden sollen. Auf Veranlassung der occultationes ♀ in ☽ fand ich zwar eine Methode die Longitudines locorum aus dergl. Beobachtungen zu kriegen, in den Memoir. der Acad. Roy des Scienc. 1705 pag. 255 unter dem Titel: methode de determiner les longitudes des lieux de la terre, par les Eclipses des etoiles fixes et des planetes par la lune, pratiquee en diverses observations, par Mr. Cassini, le fils, ich weis aber nicht, ob solches eben der Weg ist, den Ew. HochEdl. hierinnen zu schreiten pflegen. Die strenge Nacht=Kälte, welche ich meiner unpäßlichen Leibsbeschaffenheit halber nicht vertragen kan, hinderte mich noch immer auf einige Himmels Beschäftigungen Achtung zu nehmen, daher vor dieses mahl noch mit nichts aufwarten kan; bin ich aber mit Gott in folgenden Zeiten vermögender dazu, werde nicht ermangeln, darauf bedacht zu leben. Ew. HochEdl. geben mir aber mittlerweile sonst Anlaß, wie zu Behauptung Dero beharrlichen Affection heissen könne

  Ew. HochEdl.
     Meines Hochgeehrtesten Herrn
       und Hochgeschätzten Gönners

Nürnberg den 31. Mart.
             1731.

gantzergebenster diener
Rost


[Bl. 173r][6]
Ich habe wegen unserer Differenz der Quantitaet der totalen Mondfinsternis den 8. Aug. 1729[7] und der Distantiae centrorum, wovon Ew. HochEdl. vormahls gedacht, seit deme in meiner Berechnung etwas nachgesehen, und finde nicht daß ich in dieser geirret hätte; es muß demnach der Unterschied wohl etwa auf den verschieden beurtheilten momentis der Immersionis totalis und Emersionis Lunae beruhen, und auch auf dem Semidiametro Umbrae terrestris, die etwas ungewiß in die Augen fallen. Wenn ich Herrn D. Weidlers Observation in den Act. erudit. Lips. 1729. Octobr. p. 443 untersuche, so findet sich aus selbiger die Grösse der Eclipsis zu 21 bis 22 digit. Die Distantiam centror. konte nicht daraus deduciren, weilen er keinen Semidiametrum Umbrae Telluris angegeben.


Fußnoten

  1. Der französische Astronom und Kartograf Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) hielt sich in St. Petersburg auf. Im Brief vom 20. Dezember 1730 berichtete Rost von gemeinsamen Beobachtungen der Jupitermonde von ihm und Delisle, auch zitierte er aus einem Brief, in dem Delisle aufforderte, seine Briefe über Kirch an ihn zu senden.
  2. Schon im Brief vom 17. Oktober 1720 hatte der Bruder Johann Leonhard Rost Kirch um Zusendung Stahlischer Pillen gebeten. Das Thema taucht seitdem wiederholt in den Briefen auf.
  3. Die Endter waren eine bekannte Buchhändlerfamilie in Nürnberg.
  4. Im vorigen Brief vom 20. Dezember 1730 schrieb Rost, dass er nun auf ein halbes Jahr mit den Stahlschen Pillen versorgt sei. Mit der neuen Zusendung dürfte sich dieser Zeitraum um einiges erhöht haben.
  5. Gemeint ist die Sonnenfinsternis vom 15. Juli 1730. Kirchs Beobachtungen dazu finden sich in den Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen, Nr. 69 vom 18. August 1730, S. 607. Rosts Beobachtungen stehen in dieser Zeitschrift in Nr. 79 vom 2. Oktober 1730, S. 693f.
  6. Dieses Blatt trägt kein PS und kein Datum, es ist damit nicht klar, ob es tatsächlich zum Brief vom 31. März 1731 gehört.
  7. Vgl. hierzu den Brief vom 19. September 1730. Rosts Beobachtungen hierzu finden sich in den Miscellanea Berolinensia, Bd. 4 (1734), S. 107-114. Kirchs Beobachtungen finden sich in dessen Observationes Astronomicae Selectiores von 1730, S. 20-36. Die Finsternis begann am Abend des 8. August, total war sie aber erst nach Mitternacht. Dies erklärt, warum Rost die Finsternis auf den 8., Kirch dagegen auf den 9. August datiert.