Briefwechsel Johann Carl Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Carl (1690-1731)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 23. April 1727
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 144r-145r
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelehrter,
   Hochgeehrtester Herr,
     Hochgeschätzter Gönner.

Ew. HochEdl. mit gegenwärtigen Blate in dero Bemüßigungen hinderlich zu fallen, werden Sie mir um so viel mehr verzeihen, wenn Sie die betrübte Veranlaßung erwägen, so mir der frühzeitige Tod meines seel. Herrn Bruders darzu giebt.[1] Die Gewogenheit und sonderbare Güte, deren Sie ihn durch dero ihm hochwehrtest und ersprießlich gewesene Correspondenz gewürdiget, verpflichten mich Ew. HochEdl. zu berichten, daß derselbige den 11. Mart von einem gewaltigen Insultu febrili catarrhali maligno ergriffen worden, und ohnerachtet aller gesuchten Rettung zweiner Herren Medicorum, zu denen sich meine Wenigkeit, nachdem ich zu gleicher Zeit erkrancket, und ihn biß über die Hälfte seines fatalen Lagers nicht persönlich bey stehen konte, endlich auch gesellte, dennoch den 22 darauf, Nachts um 11 Uhr sanfte und seelig verschieden. Da ihm nun hierdurch das göttliche Verhängnis die Gelegenheit abgeschnitten, Dero ihm bezügliches Wohlwollen auf der Welt hinlänglich zu verschulden:

[Bl. 144v]
so erstatte Ew. HochEdl. an seiner Stelle, dafür den unvergeßlichsten Danck, und wünsche nichts eifriger, als wie Ihnen alles angenehme dargegen zu erweisen tüchtig seyn möge. Es kan mir inzwischen dieser mein Verlust nicht anderst als schmertzlich heißen, da mir durch selbigen in meinen bißherigen Astronomischen Beschäftigungen, woraus ich doch von Jugend an, so ungemeine Ergötzlichkeit schöpfte, der getreuste Gehülfe entrißen worden. Und das elendeste ist, daß in unserer Stadt itzt, meines Wißens, kein eintziger Mensche lebt, der etwas hierinnen thäte; daß mich demnach gezwungen sehe, zu fernerer Verherrlichung der Ehre Gottes und etwa einigen gemeinen Nutzen, so gut sichs füget, allein die Hand anzulegen; zu mahlen von Herrn Prof. Doppelmayers Seite schwerlich etwas zu erwarten. Ew. HochEdl. haben bereits von meinen seel. Herrn Bruder die unbefugte querelle erfahren, die gedachter Mann aus purem vergallten Neid so mal a propos mit ihm angefangen. Daher bitte auf das inständigste, Sie geruhen Dero kluges und hochgeneigtes Urtheil darüber, welches jener biß zu seinen letzten Tagen so sehnlich gewünscht, mir zu ertheilen, um mich selbsten dadurch von derjenigen Unruhe zu befreyen, die mir dieser Handel erreget.[2] Von Mr. de l'Isle,[3] erhielte mein seel. Herr Bruder etliche Wochen vor seiner tödlichen Maladie,

[Bl. 145r]
den ersten Brief aus S. Petersburg, darinnen er begehret, wir sollten uns zur Zeit=Correction der Sonnen Höhen bedienen, worzu Sie schon in dem heurigen Christen, Jüden und Türcken Calender[4] längst Anleitung gaben. Was aber zu tuhn, wenn bey ungefähren Nacht Observationen, den nächsten oder wohl etliche Tage vorher die Sonne nicht geschienen? Ich werde daher in solchem fall, biß auf weiteren Bescheid, noch die gewöhnliche Methode durch die altitudines fixarum, und Hevelii Catalogum,[5] da Flamsteeds seiner verdächtig scheinet, gebrauchen. Bin ich so glücklich von Ew. HochEdl. schätzbaren Zeilen und affection künftig zu profitiren: so belieben Sie mir zugleich zu eröffnen, wie zu Vollziehung Dero Befehle vermögend und in der That seyn kan

HochEdler und Hochgelehrter,
   Hochgeehrtester Herr,
     Hochgeschätzter Gönner,
       Ew. HochEdl.

Nürnberg den 23. April
A.o 1727.

gantz ergebenster diener.
D. Johann Carl Rost. Ihro Königl: Hof.
der Groß=Hertzogin von Toscana[6] Hof=Rath und
Leib-Medic. Physic. ordinare zu Nürnberg
und der Kayßerl. Acad. Nat. curios. Collega.[7]


Fußnoten

  1. Johann Leonhard Rost starb am 22. März 1727.
  2. Zum aktuellen Streit zwischen Doppelmayr und Rost vgl. den letzten Brief von Johann Leonhard Rost an Kirch vom 23. Dezember 1726. Von Ratsmitgliedern war Rost empfohlen worden, ein Bedencken "von erfahrenen Mathematicis u. Astronomis [...] über diese vermeinte Beleidigung" einzuholen, um was er Kirch auch im angeführten Brief gebeten hatte. Johann Carl bittet hier auch nach des Bruders Tod um dieses Gutachten.
  3. Johann Carl Rost hatte mit Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) bei dessen Aufenthalt in Nürnberg Ende Dezember 1725 persönlichen Kontakt gehabt.
  4. Dieser Kalender war seit 1667 vom Vater Gottfried Kirch herausgegeben worden und wurde nach dessen Tod vom Sohn Christfried Kirch weiter geführt. Vgl. den Eintrag zu Gottfried Kirch im Biobiliographischen Handbuch der Kalendermacher von 1550 bis 1750.
  5. Hevelius, Johannes: Prodromus Astronomiae. Danzig: Stollius 1690.
  6. Die Großherzogin Anna Maria Franziska von Toscana (1672-1741) hatte als Tochter des Grafen von Sachsen-Lauenburg u.a. dessen Schlösser in Böhmen geerbt. In zweiter Ehe heiratete sie im Sommer 1697 Gian Gastone (1671-1737) aus dem Geschlecht der Medici. Gastone langweilte sich jedoch auf den böhmischen Besitzungen und es kam schnell zur Trennung von seiner Ehefrau. Anna Maria lies darauf ihre Schlösser in Böhmen ausbauen und umgab sich mit einem großen Hof ihrer Bewunderer. Vgl. Kühn-Steinhausen, Hermine: Die letzte Medicäerin - eine deutsche Kurfürstin (Anna Maria Luisa von der Pfalz 1667-1743). Düsseldorf: Lintz 1939, S. 98f., 122-124.
  7. Johann Carl Rost war am 24. September 1727 unter dem Namen Olympus I in die Kaiserliche Akademie der Naturforscher (Leopoldina) aufgenommen worden.