Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 2. November 1723
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 103r-104v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
  Hochgeehrtester Herr
   und Hochgeschätzter Gönner.

Ew. HochEdl. 2 Schreiben, vom 12 u: 20ten October, sind mir wol behändiget worden und dancke ich nicht nur vor die ihnen einverleibte Nachricht verschiedener Materien; sondern auch vor die Übersendung der 3 Loht Pillen,[1] welche ich gleichwie das neuliche Schächtelchen, denen Hhl. Endter,[2] so gleich bezahlet habe. Was den Cometen anbelanget,[3] so hat selbigen der Hl. von Wurzelbau, der Ew. HochEdl. sich hinwieder ergebenst empfehlen läßet, den 17 October bereits entdecket.[4] Er wollte ihn zu erst nicht allerdings vor einen Cometen erkennen, und ließ mir also nichts davon wißen, sondern wolte erst den folgenden Tag erwarten. Da ihn aber die Nacht darauf, ein starckes Fluß Fieber überfiel,[5] ließ Er den Montag früh, meinen Bruder, als seinen Medicum zu sich holen, dem er part davon gab, und erinnerte, daß wir Achtung darauf geben möchten. Den gedachten 18 Octob. war es trübe: den 19 hingegen, fanden wir ihn schon vor 6 Uhr, auf eben die Art, wie ihn Ew. HochEdl. gezeichnet haben.[6] Ich meinte erstlich er stünde neben θ ♑ unter der Ecliptic, es wies sich aber nachgehends, daß er sich bereits drüber, zwischen θ u: ν neben einem unbekandten Sternchen befand, welches eine gute Viertel Stunde nach 7 Uhr, eben so weit davor war, als Alcor von media caudae ursae majoris,[7] nehmlich, wie Hevelius, wie wol nicht allzu richtig, diese distanz angeben 9.' 56''.[8] Mein Bruder maß verschiedene distantien, so wol von dem stella anonyma, den er vor θ ♑ gehalten, als von ζ ♑ der aber

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vielmehr θ ♑ gewesen seyn wird, anerwogen der Comet, vielleich bey A ♑ neben X u. η ♑ herauf kommen ist, und eodem die Nachmittag, die Ecliptic durchschnitten hat. Den 20. Oct. war es wieder trübe. Den 21 zeigte sich ein ziemlich heller Himmel, und zeigte sich der Komet etwas schwächer ni fallor[9] unter ε ♒[10] zur rechten Hand nudo oculo,[11] von welchem Sterne und dem μ ♒ verschiedene distantien gemeßen; auch so wol die Culmination als Altitudinae Meridianam des Cometen gemeßen, die wir durch einen 1½ schuigen in singula minuta eingetheilten Quadranten 32.0 22½' hoch gefunden. Wenn ich aus der corrigirten Zeit der Culmination 6.H 45.' 9'' die Ascensionem rectam Cometae herleite, und durch diese, nebst der Declinatione australi 8.o 12.' 54'' Longit. et Lat. suche, so finde ich die erste 7. 18. 0 ♒ und die andere 10. 35. 57. Bor., die mir aber zu groß fürkömt. Die erste distantien cometae ab ε et μ ♒ h. 6. 58. 59. gab mir den locum Cometae in 6. 38. 3 ♒ cum Lat. 8.o 30.' 7.'' Diameter totius Cometae war 21.' 44.'' partis autem lucidissimae seu nuclei 9.' 14'', und stund der Comet um 9 Uhr 15' mit ε u: μ ♒ in linea recta. Den 22. Oct. continuirten wir die Meßung der distantien. Ob aber der Comet zur rechten Hand über ε ♒ oder über den 2 Sternen des Hevelii, in apice Saggitae Antinoi[12] gestanden, daran dubitire ich noch, und wollen mir die aus den distantien von diesen Sternen deducirten loca Cometae, mit den vorhergehenden nicht accordiren. Den 23. 24. 25. war es trübe. Den 26 wider heiter, und meine ich, der Comet habe sich zur rechten Hand, unter den 3 Sternen des Hevelii in Arcu Antinoi[13] befunden. Es stunden noch 4 kleine Sternchen um ihn herum und also der Comet fast in der Mitte derselben, ich habe so wohl ihre distantien inter se, als a Cometa und den 2 nächsten in arcu gemeßen, aber noch keinen Calculum daraus formiret, weil ich besorge, ich möchte mich in Bestimmung der rechten Sterne bey dem Cometen geirret haben, wie wol sie eigentlich mein Bruder gezeichnet, dem ich hierinnen zu viel getrauet, und die Sache itzt erst mühsam untersuchen mus. Allein weil mir solche Arbeit zu viel Zeit freßen dürfte: Ew. HochEdl. hingegen eine

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richtigere Delineation der Asterismorum, oder derjenigen Sterne, werden gemacht haben, bey denen sich der Comet täglich gewiesen hat: so würden Sie mich auf das äußerste obligiren, wenn Sie mir selbige, den nächsten Post Tag überschicken möchten. Ich begehre gar nicht, daß Sie sich dabey eine Mühe zum Schreiben geben sollen, sondern ich will zufrieden seyn, wenn ich nur die bloße Delineation kriege, damit ich in meiner Rechnung ungehindert fortfahren kan. Haben aber Ew. HochEdl. aus ihren Observationibus, bereits die Longitudines et Latitudines deduciret, und Sie möchten etliche davon der Delineation anhängen, so würden Sie mich dadurch zu desto größerer Danckbarkeit verpflichten. Ich bediene mich zur Erforschung der Länge und Breite des Cometen, der Methode Hevelii pag. 36 Cometographiae, außer daß ich die Vlaquischen Logarithmos[14] adhibire. Die Arbeit ist zwar etwas weitläuftig u: mühsam: allein dem Cometen zu gefallen, will ich sie nicht achten, maßem dieser der erste, den ich mein Lebtag gesehen u: observiret: drum ist es auch kein Wunder, daß ich mich in seinen Umgang nicht gleich schicken kan. Ich hätte zwar dißmal noch etwas von dem Satellite primo Jovis zu schreiben, und zu melden, daß der Hl. P. Nicasius Grammaticus zu Ingolstadt, die Tabb. Cassianis noch weiter corrigiret: Allbey weil die Zeit zu kurtz und Ew. HochEdl. itzt ohnedem mit dem Cometen zu tuhn, will ich es biß auf ein ander mal sparen, erwehnte neuere Correction zu communiciren. Nur dieses will ich noch hinzu tuhn, daß er die Emersionem 1 Satell. d. 15 Augusti zu Ingolstadt nachts um 9 Uhr 23.' 50''[15] observiret hat. Nach der neueren Correction der Tabb. Cassini, solte sie zu Paris um 8 Uhr 49.' 0'' geschehen seyn. Hl. Dr. Liebknecht scheint noch zu glauben, was er von seinem neuen Planeten geschrieben, und hat eine Defension, wider seinen liderlichen Adversarium (wie er ihn nennet) fertig, die er in die Acta Eruditorum einsenden; oder, wenn sie da nicht angenommen wird, zu Giessen trucken laßen, und sie mir communiciren will.[16] Mich wundert dieses Mannes Eigensinn noch mehr, da ihm doch jedermann, der mit dem Himmel umgehet, sein Recht abspricht. Von den Hamburgi-

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schen und Lübeckischen Scriptis Astronomicis, will man in den hiesigen Buchläden nichts wißen, dahero ich sie wol aus Hamburg werde verschreiben laßen müßen. Zu letzter Meße ist Hl Hofrath Wolfens 2 Theil seiner teutschen Physica[17] heraus kommen, darinnen Er von den Nutzen der Welt u. himmlischen Cörper, keine üblen Gedancken heget, daß sie des Lesen gar wol verdienen. Nur wundert mich, daß Er so wol darinnen, als im ersten Theil und in seinen Elementis Astronomiae, dem Monde keinen motum gyrationis zueignet. Seithero den 27 October, haben wir hier beständig trübes Wetter, und den Cometen nicht mehr gesehen. Da nun izt der Mond heraus kommt, so glaube ich auch daß er nicht mehr zum Vorschein kommen werde. Ich wiederhole übrigens meine nochmalige Bitte, wegen nächster Übersendung der Asterismorum, und beharre inzwischen unter Anwünschung beständig guter Gesundheit, Lebenslang

Ew. HochEdl.

Nürnberg.
d. 2 Novemb. 1723.

gantz ergebenster und ver=
bundenster diener.   

Johann Leonhard Rost


Fußnoten

  1. Schon im PS des Briefes vom 17. Oktober 1720 bat Rost Kirch um Zusendung Stahlischer Pillen. Das Thema taucht seitdem wiederholt in den Briefen auf.
  2. Die Endter waren eine bekannte Nürnberger Buchhändlerfamilie.
  3. Zu den Beobachtungen dieses Kometen durch Rost und Kirch vgl. die Breslauischen Sammlungen, Versuch 26, erschienen 1725, S. 392f.
  4. Zu Wurzelbaus eigenen Beobachtungen siehe dessen Brief an Joseph-Nicolas Delisle vom 28. Januar 1724 sowie den Brief an Kirch vom 1. Februar 1724.
  5. Wurzelbau überfiel eine starke Grippe.
  6. Eine Skizze von Kirch zum Kometen von 1723 ist nicht bekannt. Eine kurze Notiz über seinen Beobachtungen findet sich auch in den Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen Nr. 45 vom 5. Juni 1724, S. 448.
  7. wie Alkor von der Mitte des Schwanzes des Großen Bären.
  8. Im Brief vom 30. März 1723 (Bl. 97r) behauptet Rost, dass Hevelius für diesen Abstand einen Wert von 9.' 5'' angibt.
  9. ni fallor: wenn ich mich nicht irre.
  10. In den Breslauischen Sammlungen (siehe Fußnote 3) steht hier fäschlicherweise der Steinbock statt des Wassermanns.
  11. nudo oculo: mit bloßem Auge.
  12. apice Saggitae Antinoi; die Spitze des Pfeils des Antinous.
    Das nicht mehr verwendete Sternbild Antionous befand sich südlich der Leier.
  13. arcu Antinoi: der Bogen des Antinous.
  14. Vlacq, Adriaan (1600-1667): Arithmetica logarithmica. Gouda: Petrus Rammasenius 1628.
  15. Unterstreichung von anderer Hand.
  16. Zu Johann Georg Liebknecht (1679-1749) und seiner vermeintlichen Entdeckung eines neuen Planeten siehe Rosts Brief vom 30. März 1723. Seine angesprochene Verteidigungsschrift ist: uberior stellae Ludovicianae noviter detectae ... Consideratio nonnullorum Dubiis et Iniquis praesertim scommatibvs Ludov. Philip. Thummigii inter Hallenses A.O.P. Novi cuiusdam rerum naturalium tentatoris opposita. Gießen: Johannes Müller 1723.
  17. Wolff, Christian: Vernünfftige Gedancken von den Würckungen der Natur. Halle: Renger 1723.