Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 20. Dezember 1721
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 75r-76v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
  Hochgeehrtester Herr,
   und Hochgeschätzter Gönner.

Daß Ew. HochEdl. mein letztes vom 22 Sept.[1] richtig werden empfangen haben, daran trage ich keinen Zweifel. Indeßen bin auch ich so glücklich gewesen, Dero Hochwehrtes vom 15 Octob. zu entsiegeln, welches mir nebst 3 Schächtelchen Pillen,[2] durch Hl. Endters[3] Bedienten zu Handen kommen; wofür die Bezahlung so gleich getahn habe. Ich statte aber noch über dieses wegen deren Procurrierung[4], in meinem u: meines Bruders Namen, den schuldigsten Danck ab, und wünschen wir uns beyderseits die Gelegenheit, Ew. HochEdl. in andern fällen hinwiederum zu dienen, damit wir uns um so viel eher der Freyheit unterfangen dürfen, Ihnen noch mehr dergleichen Bemühung aufzubürden. Denn außerdem, daß mein Bruder, der Ew. HochEdl. seine aufrichtigste und ergebenste Empfehlung vermelden lässet, berührte Pillen, die hier raar seyn, darum öfters seinen Patienten verordnet, weil er methodo Stahliana[5] curiret, und durch Gottes Beystand, schon viel nützliches damit ausgerichtet, auch erst kürzlich eine gefährliche Kindbetterin, glücklich dadurch beym Leben erhalten: so leisten sie meinen Schwestern und mir in dem affectu hypocondriaco,[6] gar gute dienste; daß ich dahero immer trachten mus, wie ich einige auf den Nohtfall, in Bereitschaft haben möge. Ew. HochEdl. bitte also nochmals, mir so viel zu verschaffen, als möglich ist, dafür das Geld allezeit sogleich folgen soll. Nächst den Pillen, mus ich mich auch vor den Breslauischen Calender bedancken, der mir darum lieb ist, weil so wol Ew. HochEdl. als Hl. D. Kanolds[7] observation vom Nordschein d. 1 Martii darinnen angetroffen. Indem ich nicht wuste, daß Ew.

[Bl. 75v]
HochEdl. solchene observation nach Breslau communiciren würde, so habe ich dasjenige, was ich Dero hiesigen Calendern davon angetroffen, an erwehnten Hl D. Kanold überschrieben, um selbiges bey Abhandlung dieser materie, den Natur u. Medicin Geschichten, einzuverleiben.[8] Ich meines Ortes colligire von diesem Phaenomeno alles was ich kriegen kan: und erwarte außerdem, was Hl M. Leutmann,[9] Hl Prof. Löscher[10] in Wittenberg,[11] Hl Hausen in Franckfurt am Main,[12] und der Autor meteorologiae parallelae Ulmensis[13] davon geschrieben, noch ein weitläuftige Dissertation die ohnlängst Hl Doct. Liebknecht in Giessen gehalten;[14] auch höre ich daß Leutmann seine Gedancken darüber noch vollständiger darüber eröfnen will.[15] Mittlerweile habe ich eben den Tag, da den letzten Brief an Ew. HochEdl. ausgefertiget, in der folgenden Nacht wiederum einen Nord Schein observiret, wovon ich jüngst denen gelehrten Zeitungen den extract davon einverleibet,[16] das übrige aber in die Breslauische Natur u: Medicin Geschichte verspahren will,[17] damit Hl D. Kanold in seinem so vielfältigem Ansuchen, mir in etwas willfahren kan. Weil ich die letzte observation, auf Befehl der vornehmsten Person hiesiger Republic, in deren und andren vornehmer Leute Gegenwart, halten müssen, so hat es hier eine neue jalousie verursachet, die jedoch allmählich ziemlich nachzulaßen scheinet.[18] Es mag aber dem so seyn oder nicht, so kehre ich mich nicht darum, weil es eine Sache anbetrift, die mir bey Gott u: der Welt keine Verantwortung verursachet. Gott hat einem wie dem anderen die Augen erschaffen, was kan denn ich dafür, daß sie ein andrer, dem man noch dazu die Mühe dafür bezahlet,[19] nicht auch wie ich, in die Höhe richtet. Ew. HochEdl. haben hievon gar vernüftig raisoniret, und mercke ich gar deutlich, daß wir beyde in gewißen Stücken, wie einerley naturell, also auch einerley fata wegen einerley Absichten haben. Die Authoritas humana und das praejudicium oder was sonst noch damit vergesellschaftet ist, wird nicht stets über eins herschen. Ew. HochEdl. Worte: doch Gedult indeßen! Wer weis wie die Sache noch läuft, sollen Ihnen und mir endlich noch den Vortheil verschaffen, daß wir schreiben können: tandem bona causa triumphat.[20]

[Bl. 76r]
Von Mhs. de l'Isle ist der Zeit hier noch keine Nachricht eingelauffen, obgleich der Hl von Wurzelbau, von dem Ew. HochEdl. ich eine Begrüßung zu vermelden, vor ein paar Monathen wieder an ihn geschrieben, und ihm altitudines ☉is meridianes überschicket hat.[21] Worauf dieses Stilleschweigen beruhet, das mus die Zeit lehren. Auf diese kömmt es auch an, was Ew. HochEdl. in puncto des Alleine seyn erwehnet. Ob ich gleich nicht zweifle, daß Ew. HochEdl. an den Jfrjfr. Schwestern getreue Gehülfinnen haben,[22] so ist doch die frage, wie lange diese noch getreue Gehülfinnen heißen können, weil es noch mehr Leute von unserm Geschlechte giebt, welche Gehülfinnen brauchen, die um sie seyn: drum könte es ja gar was leichts seyn, daß man Ew. HochEdl. ihrer Gehülfinnen beraubte: als denn möchte es Ihnen wol noch wie Hl Prof. Rasten ergehen.[23] Diesem ehrlichen Mann will ich doch schreiben, da ich nun versichert, daß er keinen Wider Willen auf mich geworfen, und bin Ew. HochEdl. ich sehr obligirt, daß Sie mir das Gegentheil kund machen wollen.   Indem ich aus den gelehrten Zeitungen ersehen, daß nunmehro No. 361 von den Transactionibus Anglicanis in Teutschland zu haben,[24] so hoffe ich auch Pounds Tabellen in die Hände zu kriegen,[25] als worauf mich unbeschreiblich gelüstet. Von andern Neuigkeiten, die in unser Einem lauffen, kan ich dißmal nichts melden: drum mag Ew. HochEdl. ich mit leeren Worten nicht ferner beschwerlich fallen. Mittlerweile, wünsche Ew. HochEdl. ich zu dem bevorstehenden Neuen Jahre beständige Gesundheit und alles übrige Wolergehen, worzu ich noch die Versicherung füge, daß ich biß an das Ende meines Lebens, in unverfälschter Aufrichtigkeit allezeit beharre

Ew. HochEdl.

Nürnberg
d. 20 Decemb. 1721.

gantz ergebenster und ver=
bundenster diener.  

Johann Leonhard Rost

[Bl. 76v]

P. S.

Ich war willens Ew. HochEdl. die observation des letzten Nord Scheines,[26] in expanso zu überschicken, weil aber der Tod meines Seel. Vater darzwischen kommen, so war es mir wegen vieler Hindernißen nicht möglich, die Abschrift dißmal zu bewerckstelligen.

Ich habe zwar auch vermeinet, noch einen Brief an Hl Prof. Rasten bey zulegen, zumal da Ihn gerne ersuchet hätte, mir um die Gebühre ein Examplar von Hl Doct. Langhansens Dissertation de obliquitate Eclipticae[27] zu procurirren: allein die Zeit hat es dißmal ohnmöglich verstattet. Bitte Ihn indeßen, meiner beständigen Ergebenheit bey Gelegenheit zu versichern, und Ihn wegen dieser Dissertation part zu geben.


Fußnoten

  1. Rosts letzte Brief stammt vom 27. September, nicht vom 22.
  2. Vgl. hierzu das PS im letzten Brief vom 17. Oktober 1720.
  3. Die Endters waren eine bekannte Buchhändlerfamilie in Nürnberg.
  4. Procurrierung: Beschaffung.
  5. Georg Ernst Stahl (1659-1734) war Mediziner an der Universität in Halle. 1715 wechselte er nach Berlin.
  6. Beim "affectu hypocondriaco" handelt es sich um Erkrankungen der Milz. Vgl. Zedlers Universallexicon.
  7. Johann Kanold (1679-1729) war Arzt in Breslau und Herausgeber der Sammlung von Natur- und Medicin-, wie auch dazugehörigen Kunst- und Litteraturgeschichten [= Breslauische Sammlungen].
  8. In den Breslauischen Sammlungen (Band XV., Winterquartal 1721, erschienen 1722, S. 282) findet sich nur die Bemerkung, dass " auch der gelehrte Verfasser des Neubarthischen Calenders, Hr. Christfr. Kirch, die summarische Nachricht von diesem Nord=Licht gedachtem Calender An. 1722 einzurücken beliebt". Dieser Kalender dürfte somit der oben angesprochene "Breslauische Calender" sein.
  9. Leutmann, Johann Georg (1667-1736): Schediasma De Aurora Boreali Oder Beschreibung Des Nord-Scheines, Welcher In der Nacht zwischen den 28 Februarii und 1 Martii 1721. ist gesehen worden. Da Dessen natürliche Ursachen angezeiget und erkläret werden. Wittenberg: Zimmermann 1721
  10. Martin Gotthelf Löscher (um 1680/85-1735) war ein deutscher Physiker und Mediziner.
  11. Löscher, Martin Gotthelf: Commentatio physica de phaenomeno septentrionali luminoso nec non morbo epidemico anni currentis. Wittenberg: Hanauer 1721.
  12. Über einen Hausen aus Frankfurt am Main ist nichts bekannt. Rost stand später mit Christian August Hausen, Professor in Leipzig, in Kontakt, vgl. seinen Brief vom 21. Juni 1724. Möglich scheint aber auch eine andere Verwechslung zu sein: Im Brief vom 30. März 1723 sprach er von "des Frankf. Prof. Mathes. Bedencken", wobei er sich hier auf Jakob Hermann (1678-1733), Professor in Frankfurt an der Oder bezog.
  13. Der angesprochene Autor ist David Algöwer (1678-1737): Specimen meteorologiae parallelae: oder besondere Observationes, antreffende das Wetter und die mit selbigem übereinstimmende Wettergläser vom Herbst 1710 bis auf den Frühling 1714 in einzelnen halbjährigen Nachrichten. Frankfurt, Leipzig: Bartholomä 1714.
    1721 veröffentlichte er: Specimen Hyetometriae Curiosae, Oder Abmessung Deß Jährlichen Regen- und Schnee-Wassers, In VI. Jahren, Nehmlich von 1715. biß 1721. dargestellt, und calculirt: Samt Einem Anhang Von dem im Martio dieses 1721 Jahrs hier in Ulm observirten Nord-Schein, Und noch andern bemerckten Lufft-Zeichen. Frankfurt, Leipzig; Bartholomäi 1721
  14. Liebknecht, Johann Georg (Praeses); Weber, Immanuel (Respondent): Pharvs, Sive De Prodigiis Ignis Colestibvs; Ut Vulgo Vocantur, Ex Omni Aevo Collectis, Dissertatio Historico-Mathematica, Occasione Coruscationum Borealium, Nuper Visarum, Una Cum Causis Et Praedictionibus Istarum. Gießen: Müller 1721
  15. Siehe oben, Fußnote 8.
  16. Rost, Johann Leonhard: Bericht über den Nordschein vom 22. September 1721. In: Neue Zeitungen von gelehrten Sachen auff das Jahr 1721, S. 669-672. Rost hatte am Vortag, den 21. September 1721 an Kirch geschrieben.
  17. Von dem merckwürdigen Nordschein den 1. Mart. In: Sammlung Von Natur-und Medicin-, Wie auch hierzu gehörigen Kunst-und Literatur-Geschichten, Band XV, Winter-Quartal 1721, erschienen 1722, S. 279-310. Verschiedene Beobachtungen aus Deutschland, darunter S. 295-299die der Gebrüder Rost.
  18. In den gelehrten Zeitungen (siehe Fußnote 14) hatte Rost geschrieben, dass, als er gerade anfing, den eben entdeckten Nordschein zu beoachten, "so ließ: eine vornehme Person auf hiesiger Kayserlichen Reichs=Burg, durch dero Bedienten mir zu wissen thun, daß ich hinauf kommen solte, weil ich allda dieses Phaenomenon mit weit besserer Bequemligkeit, als zu Hause oder auf dem Observatorio Astronomico, betrachten könte." Doppelmayr reagierte hierauf eifersüchtig.
  19. Rost spielt hier auf Doppelmayr an, der seit 1710 Direktor der Eimmart-Sternwarte war. Bereits 1704 hatte Doppelmayr die Stelle als Mathematikprofessor am Egidiengymnasium erhalten, wofür er jedoch keinerlei Bezahlung erhielt. Erst nachdem er auch Sternwartendirektor wurde, erhielt er 50 Gulden jährlich: Dieser Betrag wurde Studenten als Stipendium ausbezahlt, man kann also Doppelmayrs Gehalt als sehr gering bezeichnen. Offensichtlich wusste Rost dies nicht, wodurch seine Argumentation an dieser Stelle etwas ungerecht wird.
  20. tandem bona causa triumphat: Zuletzt wird die gute Sache siegen.
  21. Brief von Wurzelbau an Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768), 30. September 1721 [Observatorium Paris/Meudon: B1/2-28, Bl. 1r-v].
  22. Kirch hatte drei noch lebende Schwestern: Christine (1697-1782), Dorothea Johanne (1701-1771) und Margaretha (um 1703- nach 1744).
  23. Georg Heinrich Rast (1595-1726) aus Königsberg war ein deutscher Astronom. Kirch hatte Rost mit Brief vom 26. September 1718 Grüße von ihm ausgerichtet, und angeboten Briefe an ihn weiterzuleiten. Rost spielt hier auf die 1720 erfolgte Heirat von Rast an (vgl. den Brief von Rast an Kirch vom 11. Februar 1721, UB Basel: L Ia 717, Bl. 44r).
    ADB XXVII, 1888, S. 337f. (Autor: Sigmund Günther);
    Buck, Friedrich Johann: Lebens-Beschreibungen derer verstorbenen Preußischen Mathematiker. Königsberg, Leipzig: Hartung und Zeise, S. 155-158.
  24. Diese Nummer der Philosophical Transactions wird in den Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen, Nummer 96, 27. Oktober 1721, S. 682-688 vorgestellt.
  25. James Pound (1669-1724) war ein englischer Geistlicher und Astronom. Seine neuen Tabellen finden sich in den Philosophical Transactions 30 (1717), S. 1021-1034
  26. In den Breslauischen Sammlungen, Versuch 18, erschienen 1723, S. 600f. berichtet Rost über eine Nordlicht-ähnliche Erscheinung vom 8. Dezember 1721.
  27. Langhansen, Christoph (Praeses, 1691-1770), Schöneich, Christoph (Respondent): Diss. astrom. de obliquitate eclipticae. Königsberg: Reusner 1719.