Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 24. September 1726
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 139r-140v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
  Hochgeehrtester Herr,
   Hochgeschätzter Gönner.

Ew. HochEdl. habe ich noch geziemenden Danck vor die überschickten 6 Loht Pillen abzustatten,[1] und will ich hoffen, daß das dafür ausgelegte Geld, so ich hier gleich bezahlet, Ihnen werde zu Handen kommen seyn. Ich bedancke darneben, daß Ew. HochEdl. mit der Nachricht, von der falschen Latitudine Veneris Ghislerii,[2] so viel Mühe gemacht, welches ich aber doch Ihres, und des gemeinen Nutzens halber, nicht habe verschweigen dürfen. Von der Occultatione ♂ d. 1 Aug. war wegen des sehr unreinen Himmels, hier nichts zu observiren. So viel ich zu Nachts, da sichs etwas ausklärete, aus der Situation dieser Planeten urtheilen konte, mus ♂ wenigstens nahe beym Mond in der ☌ gewesen seyn, wenn er ihn ja nicht gar bedeckt hat.[3] Ich weis mich nicht mehr zu entsinnen, ob Ew. HochEdl. von der Occultatione des Antares,[4] schon Bericht erstattet: doch düncket mich, es sey noch

[Bl. 139v]
nicht geschehen. In solchem falle melde ich, daß nach meines Bruders Observation, durch einen 6schuigen Tubum, erwehnter Stern schön rund, wie Sirius bey Tage sich gezeiget, und keine radios neben sich gehabt. h . 11. 42. 57 temp. corr. [be]rührte sein limbus den Mond, da er zugleich seine Rundung etwas veränderte, röhtlichter und ziddernder wurde. h. 11. 43. 12, imergirte er gäntzlich, daß also die Immersio centri h. 11. 43. 4 geschehen. Der Diameter ☽ betrug 31.' 22'' und die partes lucidae 31.' 6''. Die Emersion konten wir wegen vorstehender Gebäude nicht sehen, aber aus den gemeßenen distantiis erhellt, daß sie h. 13. 5. 26 geschehen, und der Stern im Mittel der Eclipsis, vom Centro ☽ 6.' 20'' nördlich geblieben. Weil mora occultationis 1. 22. 22 gewesen, so fand ich den Diametrum des Sternes bey 8'' groß. Ich suchte ihn darum nicht näher, weil die Emersio, folglich distantia centrorum, nicht mediate observirt worden. Zu Altdorf, geschahe die Immersio h. 11. 44. 0 und Emersio h 12. 58. 5 oder 7'' überall früher, weil die Uhr von 16 ad 17 Maji um 14'' anticipirte.[5] Es dünckt mich aber, als ob der Uhr nicht allerdings zu trauen, weil sie nach einer Mittags Linie gerichtet worden, die etwan nicht exact genug seyn möchte. Ich und mein Bruder, würden gewiß nicht ermangeln, mehrer observationes zu halten, allein es fehlet uns an der Gelegenheit, und mit dem Observatorio wollen wir nichts zu tuhn haben, weil Neid und Mißgunst seine Residenz daselbst aufgeschlagen und die

[Bl. 140r]
Instrumenta gar nichts taugen. Noch wollen wir in Zukunft gleichwol nicht ermangeln zu tuhn was möglich ist, und Ew. HochEdl. Erinnerung in dem Astronomischen Wahrsager 1727,[6] fleißig eingedenck seyn. Endlich ist es mir einmal gelungen des Hl. P. Nicasii Grammatici Tractat vom neulichen Cometen zu bekommen,[7] den ich hiemit übersende. Ich legte ein mehrs Werckchen von der Gnomonic bey,[8] davon der Verfasser mir ein paar Exemplaria verehret, und meinte ich das eine nicht beßer aufzuwenden, als wenn ich das Ihnen offerirte. Der Auctor, ist schon etliche Jahre mein gar guter Freund, und aestimire ich ihn darinnen vor andren, weil ihm Gott besondre Gaben verliehen, und er hiesigen Ortes mit unter die geschicktesten Leute zu zählen ist. Er ist ein vortreflicher Zeichner, guter Mahler, geschickter Architectus und mit einem Worte ein überaus fähiger Kopf, der durch die Mathesin sich in den Stand gesetzet hat, daß er dinge praestiret, um deren Willen der Hl. Prof. Doppelmayr, ihm eben so günstig ist als mir. Er fängt an seine Verdienste unterzudrücken, wo u. wie er kan, und erinnert sich nicht dabey, daß er einsmal zu ihm kommen, und ihn in Gegenwart seiner Scholaren ersuchet, er möchte ihm weisen, wie die zu einer seiner Astronomischen Charten gehörige orbitae Satellitum Saturni, als perspectivische ellipses zu zeichnen seyn. Dieser Hl. Schübler ist es, der in Gegenwart vieler Leute, dem Hl. Professor, bey der letzten großen

[Bl. 140v]
Sonnenfinsteniß auf dem Observatorio lehren müssen, wie der Circulus observatorius, in seine circulos concentricos einzutheilen ist, und der hernach an statt seiner die Phases Eclipseos publice gezeichnet hat.[9] Weil ihm von einem Bekanndten in Berlin angerathen worden, der Hochlöbl. Societaet seine Gnomonic zu dediciren, hat er sich auch darzu entschloßen, welches aber den Hl. Prof. dermaßen verdrußt, daß es nicht zu sagen ist.[10] So gehet es in Nürnberg her, wenn die Leute sich die Köpfe zerbrechen, und nicht auf der Bären Haut liegen mögen: das mus aber ein Politicus nicht achten, weil es doch noch Leute in der Welt giebt, die Reflexion auf ihre Bemühung machen. Ich wünschte, daß Ew. HochEdl. etwas von Hl. Schüblers Handzeichnungen sehen solten, Sie würden sich daran ergötzen: vielleicht kann Ihnen aber der Buchführer Haude[11] etwas zeigen, welches jedoch noch lange kein rechtes Muster ist. Mein Supplementum zum Astronomischen HandBuch ist nun Gott lob im Stande. Ich weis dermalen noch nicht, ob ich diese Meße ein Exemplar übersenden kan, weil es noch nicht völlig aus der Preße ist. Leidet es die Zeit gegenwärtig nicht, soll es doch ehestens nachfolgen Ew. HochEdl. sind aufrichtig, und als bitte mir ein unpartheyisches Urtheil darüber aus. Sie entdecken mir ohne Schad, die begangenen Fehler, und unterrichten mich eines beßren, denn ich erkenne Sie allezeit vor meinen Meister, und dieses ohne Heucheley und Complimenten, wie es unter redlichen Leuten der Gebrauch ist. Womit ich dißmal aus Mangel der Zeit schließe und lebenslang beharre

Ew. HochEdl.

  Nürnberg. den 24 Sept. 1726

aufrichtig ergebenster
und verbundenster
diener. 

Joh. Leonh. Rost


P.S: Hl. Prof. Rasten Seel.[12] gönne ich seine Glückseeligkeit. Gott habe ihn seelig, und bringe uns auch bald zu ihm denn in der Welt ist doch nur eitel B...trug[?], um deren Willen, ich mich auch stets mehrer äußern will.


[Bl. 140r]
P. S. Da ich dieses geschrieben, vermeinte ich das Gnomonische Werck beyzulegen, allein ich erfahre erst, daß die Kupfer noch nicht alle abgedruckt seyen, deßwegen ich es erst künftig mit meinem Supplemento senden werde.


Fußnoten

  1. Schon im Brief vom 17. Oktober 1720 bat Rost Kirch um Zusendung Stahlischer Pillen. Das Thema taucht seitdem wiederholt in den Briefen auf.
  2. Vgl. hierzu den vorigen Brief von Rost an Kirch vom 2. Mai 1726.
  3. Mars wurde am 1. August 1726 vom Mond verdeckt.
  4. Zur Bedeckung von Antares am 16. Mai 1726 vgl. die Sammlung von Natur- und Medicin- wie auch hierzu gehörigen Kunst- und Literatur-Geschichten, Versuch 36, Frühlingsquartal 1726, erschienen 1728, S. 567-569.
  5. Die Beobachtungen von Müller in Altdorf finden sich auch in obigem Artikel.
  6. Der Astronomische Wahrsager war ein Kalender, der seit 1677 unter dem Namen von Georg Fabricius erschien, doch war von Anfang an Gottfried Kirch der Verfasser. Der Sohn Christfried Kirch hat diese Reihe fortgesetzt. Vgl. den Eintrag zu Fabricius im Biobibliographischen Handbuch der Kalendermacher von 1550 bis 1750.
  7. Grammatici, Nicasius (Präses); Schreier, Josef (Respondent): Exercitatio De Cometa Anni 1723. Ingolstadt: Grass 1724. Vgl. den Brief von Rost an Kirch vom 21. Dezember 1724.
    Josef Schreier (1681-1754) wurde 1726 Nachfolger von Grammatici auf dessen Lehrstuhl in Ingolstadt.
  8. Schübler, Johann Jacob: Anleitung zur praktischen Sonnenuhrkunst. Nürnberg: Johann Christoph Weigel 1726.
  9. Vgl. den Brief vom 2. Juni 1724.
  10. Tatsächlich versuchte Doppelmayr Schüblers Aufnahme in die Preußische Akademie zu hintertreiben, vgl. dessen Brief an Christfried Kirch vom 27. Juli 1726, UB Basel: L Ia 688, Bl. 89, 2r-v.
  11. Ambrosius Haude (1690-1748) war Buchhändler und Verleger in Berlin.
  12. Georg Heinrich Rast starb am 29. Januar 1726 in Königsberg. Er war einer der Briefpartner von Rost gewesen.
    ADB XXVII, 1888, S. 337f. (Autor: Sigmund Günther);
    Buck, Friedrich Johann: Lebens-Beschreibungen derer verstorbenen Preußischen Mathematiker. Königsberg, Leipzig: Hartung und Zeise, S. 155-158.