Briefwechsel Johann Carl Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Carl (1690-1731)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 21. September 1728
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 152r-153r
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
   Hochgeehrtester Herr,
     Hochgeschätzter Gönner.

Ew. HochEdl. werden nach Dero Gütigkeit nicht ungeneigt anschauen, wenn mit dieser Occasion Dero werthesten Wohlstands mich erkundige, und Ihnen zugleich von meinen bisherigen Astronomischen Verrichtungen nur kürtzlich berichte, daß ich die occultationem Reguli a ☽, den 27 Jan. bey klarem Himmel bestens zu observiren das Vergnügen hatte, da der Stern den hellen Rand desselben h. 17. 21.' 12'' berührte, h. 17. 21. 24 völlig verschwunden, h. 18. 6. 35 am dunckeln wieder hervor kam, und 10.' 21'' vom Centro des Mondes südlich geblieben.[1] Von 9 Febr. zeigte mir ein 8 schuhiger Tubus die Emersionem intimi Satellitis ♃ aus dessen Umbra h. 7. 47. 51.

Die ☌ ♀ ξ ♐ hat sich mit gebrauchtem motu diurno ♀ Manfrediano[2] den 13 Febr. h. 16. 23. 33 sub distantia centro. und ♀e borealiore 28.' 44'' ereignet, welche mir der Calculus aus den Ephemeridibus Manfr. den 13 Febr. h. 15. 15. 23 t. ver. cum arcu inter centra 30.' 5'' angedeutet.

Die ☌ ♀ und π ♐ geschahe den 16 Febr. h. 3. 35.' 34.'' und ♀ pasierte 29.' 48'' südlich. Die Berechnung aus vorigem fundamente, entdeckte sie, den 16 Febr. 2.h 15.' 5'' Dist. Centror. 30.' 59''.

[Bl. 152v]
Den 16 Febr. h. 9. 42. 32 blickte nach einem 12 schuhigen Perspectiv primus Satelles ♃ ex umbra h. 9. 43. 50 vermeinte ich ihn gantz zu sehen, und der discus ♃ war fast über und über mit fasciis[3] umhüllet, nur durch die Mitte war noch ein leichter weißer Streifen übrig.

Die Immersionem Reguli unter dem ☽ den 16 Maji konte ich wegen gewölckter Lufft nicht notiren, doch aber erhaschte ich sehr gut die Emersion am erleuchteten limbo bey der Insula majori[4] h. 7. 42. 1. Aus einigen hernach gemessenen distantiis mit dem Micormetro filari am 6 schuhigen Tubo, fand sich die Immersion h. 6. 40.' 6'', und daß der Stern 6.' 18'' vom Centro Lunae südlich vorbey gestrichen.

Den 28 Maji h. 14. 17.' 24''[5] hat der ☽ δ ♑ bey dem Monte Climace[6] verdeckt. Zur Zeit des Austrits kamen dicke Wolcken und hinderten solchen zu bemercken.

☌ ♂ und σ ♌ äusserte sich den 5. Jun. h. 18. 20. 40, mit dem arcu inter centra 46.' 24'', ♂ australiore. Aus Manfredii Ephemerid. solte sie den 5. Jun, 18. 45.' 5'' nebst distantia centror. 44.' 30'', und aus Ghislerii Ephemerid.[7] d. 5 Jun. h. 15. 26. 53 unter 44.' 46'' distantia voneinander vorfallen.

In der ☌ ♄ ☽ den 25 Jun. ist ♄ hier nicht occultirt worden, sondern, wie ich aus etlichen distantiis deducirt, h. 12. 46.' 22'' vom Centro ☽ae 16.' 22'', oder, vom nächsten nördlichen Rand 0.' 57'' abgeblieben.

Die horizontal vermuthete Mond=finsternis den 19 Aug. hat, wie ich remarquirte, Nürnberg gantz nicht betroffen. Denn als mir h. 7. 2.' 30'' der ☽ über dem Horizonte erschienen, waren gar im geringsten nicht mehr eclipsirt, und spürte ich in regione Paludum

[Bl. 153r]
Maeotis[8] ac Hyperborearum kaum noch die subtilsten vestigia[9] Penumbrae.

Der Herr de l'Isle[10] verlangte letzlich in einem Schreiben an mich, ich möchte heute den 21 Sept. früh auf die partiale Verdunckelung des Vierdten Satellitis ♃ attent seyn, so h. 4. 40' sich offenbaren solte; es ist aber um diese Zeit stock=trübe gewesen.

Ew. HochEdl. hätte ich billich zu den recensirten geringen observationen nebst ihrem Detail die Schemata beylegen sollen; ich bin aber seit einigen Wochen her mit einem beschwerlichen saussenden Fluße im Ohr und Kopf behaftet, der mich ziemlich verdrüßlich macht, und von vielen störet; dahero werde es mit Gott und Dero gefälligen Erlaubnis ein ander mahl zu vollziehen gefliessen seyn,[11] der mir jederzeit die Ehre wünsche zu beharren

   Ew. HochEdl.
     Meines Hochgeehrtesten Herrn
       und Hochgeschätzten Gönners

Nürnberg den 21 Sept:
             1728.

gantz ergebenster diener

Dr: Johann Carl Rost.


Fußnoten

  1. Diese und die folgenden Beobachtungen von Rost finden sich in den Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen, Nr. 93 vom 18. November 1728, S. 882f..
  2. Manfredi, Eustachio: Novissimae ephemerides motuum coelestium: Ex anno 1726 in annum 1737. Bologna: Pissari 1725
  3. Streifen bzw. Bänder.
  4. Die Insula Majori entspricht dem heutigen Mondkrater Langrenus.
  5. Nach den Neuen Zeitungen geschah dies um h. 14. 17.' 27''
  6. Der Mons Climax entspricht ungefähr dem heutigen Mondkrater Sirsalis.
  7. Ghisilieri, Antonio (1685-1734): Ephemerides motuum coelestium ab anno 1721 ad annum 1740. Bologna 1720.
  8. Palus Maeotis ist heute das Mare Crisium.
  9. vestigia: Spuren.
  10. Der französische Astronom und Kartograph Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) hielt sich damals in St. Petersburg auf. Bei seiner Reise von Paris nach Petersburg hielt er sich im Dezember 1725 in Nürnberg, wo in Johann Carl Rost persönlich kennen lernte. Der angesprochene Brief scheint der erst zu sein, den Johann Carl erhielt, der vorige Brief war noch an den Bruder Johann Leonhard gerichtet, vgl. den Brief von Johann Carl an Kirch vom 23. April 1727.
  11. Vgl. die Beilagen zum Brief vom 30. April 1729.