Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief  
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 30. März 1723
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 96r-97v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler, Vest und Hochgelahrter,
  Hochgeehrtester Herr,
   Hochgeschätzter Gönner.

Damit auf die von Ew. HochEdl. d. 22 Febr. empfangenes Schreiben, die gebührende Antwort nicht zu lange schuldig bleibe, so habe sie hiemit ausfertigen, und darinnen gleich anfänglich meinen geziemenden Danck, vor die communicirten observationes abstatten wollen; die ich darneben mit einigen andern ersetze. Wie es mit der Oster Differenz ausgefallen, das werden Ew. HochEdl. nunmehro schon wißen, dahero Ihnen mit dieser materie nicht weiter beschwerlich zu fallen begehre; außer daß mir nur über nachfolgendes Dero Gedancken ausbitte; der berühmte Defensor Calendarii Gregoriani, Clavius[1], nachdem er so bald in 1 Cap. seiner Explication[2] erwiesen, welcher gestalten nach Verordnung des Consilii Nicaeni und aller alter Patrum, das Osterfest den nächsten Sonntag nach dem 14ten des ersten Frühlings Neumond, ohnerachtet jener auf den 15ten auch zugleich der Vollmond mit einfiele, celebriret werden solle, bestättiget solches mit folgenden Worten:[3] Sed ut magis confirmatum relinquatur, Pascha celebratum esse semper, praesertim in Ecclesia Romana, ac celebrari debere Dominica proxima post Lunam XIV primi mensis, etiamsi ea Dominica in Lunam XV. incidat; quod nonnulli obstinate hoc tempore nescio quo consilio adducti, negare ausi sunt; considerandas adhuc proponimus sequentes auctorirates: Venerabilis Beda[4] ... Nonne vident hoc loco contrarium sentientes, Bedam apertissime docere Dominicum diem Paschae cadere posse in Lunam XV. atque tunc quidem rectissime Pascha celebrari? Und nachdem er ferner auctoritates Isidori[5], Rabani[6], Ruperti[7], Guilielmi Duranti[8] auch Joh. de Sacrobosco[9] und einiger anderer alten Computisten anführet, schließet er endlich pag. 58:[10] Ex his igitur omnibus constat: Pascha recte ac legitime celebrari posse, immo vero ex Decretis Patrum celebrandum omnino esse Luna XV, hoch est, in oppositione Luminarium, si tunc dies Dominicus ad fuerit. Dieses wiederholet er unterschiedlich, in seinem Calender Werck; sonderlich p. 346[11] mit nachgesetztem: Mirum [sit], nonnullos pertinaciter asserere non vereri, Pascha non esse celebrandum; nisi post Lunam XV sive Plenilunium, etiamsi in diem Dominicum

[Bl. 96v] Luna XV incidat; propterea quod putant, nos tunc Pascha una cum Judeis clebrare, qua in re mirum in modum decipiuntur. Neque enim interdictum fuit unquam Christianis, ne in Luna XV. sive in Plenilunium media Pascha celebrent, etiamsi Judaei tunc solennitatem Paschae legalis peragant, sed solum, ne Luna XIIII Pascha celebratur, quando Judaei ad vesperam agnum immolant. Summa pag. 502.[12] Anni, in quibus plenilunium medium accidit in ipso die Paschae post meridiem ante occasum Solis, hoc non debet censeri omnino contrarium Canoni Concilii Nicaeni, cum plenilunum accipi debeat in hoc negotio cum latitudine aliqua, non autem pro instanti temporis, ut ipsum sumunt Astronomi. Solum illud Pascha videtur Decreto Nicaeni Concilii adversari, quod medium plenilunium habet post occasum Solis ... Nam quando plenilunium sit ante Solis occasum, recte ac iure optimo potest dici, Pascha celebrari in ipso Plenilunio pp.   Und solcher maßen, wird im Gregorianischen Calender, die Ostern jederzeit gefeyert worden seyn. Wie denn auch Ew. HochEdl. Seel. Herr Vater, annoch A.o 1693, da der Vollmond h. 2. 38' vormittags eingefallen, den Oster Tag neuen Calenders angesetzet hat. Nun aber ist billich die Frage: Woher der Seel. Herr Vater, nach der A.0 1700 Evangelischer Seiten erfolgten Verbeßerung des Calenders, eine neue, und, wie aus vorhergehenden zu ersehen, von den alten Kyrchen Vätern verworfene Regel, in seinem A.o 1707. 1710. 1720 edirten Christen, Jüden u. Türcken Calender[13] anführet und gebrauchet hat, hergenommen; daß man nehmlich niemahls am Oster Vollmonde, oder am Oster Termin (welcher ja der nächster Sonntag nach dem XIVten Tage des Neumonds ist) sondern den nächsten Sonntag hernach, Ostern halten solle. Sonderlich aber will zu untersuchen und förderlich auszumachen seyn, wie man künftighin in denen Jahren, da ein gleicher fall vorkommen wird, Evangelischer Seiten sich zu verhalten haben werde, damit nicht alsdenn eine neue Zwistigkeit, in der Calender Sache entstehen möge?

Ich möchte doch auch gerne wißen, ob Ew. HochEdl. und des Frankf. Prof. Mathes. Bedencken von der Oster Differenz nicht gedruckt worden;[14] anerwogen ich ein Exemplar oder doch nur Abschrift davon haben möchte, weil ich alle zu dieser materie gehörige Sachen colligire; zu dem Ende ich auch Hl Doctr. Liebknecht in Gießen seines, erwarte.[15] Dieser der Astronomie eifrig ergebene Mann, schickte mir jüngst ein Scriptum von 2 bögen in 4t mit dem Titel: Sidus boreale Stella noviter detecta stipatum et Serenissimo Juventutis Principi ac Domino, Domino Lud. Joh. Wilhl. Grunoni, Hassiae Landgravio etc. etc. cum

[Bl. 97r]
Rectoris magnificentissimi in Alma Ludoviciana insignia et honores d. 1 Jan. 1723 susciperet, bono omine dicatum et superioniem more Ludovicianum nuncupatum, a J. G. Liebknecht etc.[16] Dieser neue Stern, welchen ich nebst meinen Bruder schon vorlängsten gesehen, und ihn deßwegen bey meinen Tabb. Bayeri[17] angemercket, befindet sich zunächst bey media in cauda ursae majoris zwischen ζ u. g in dicta cauda[18] oder vielmehr etwas darüber, also, daß er mit ihnen ein triangulum Scalenum[19] formiret. Da er nun aus den vom 2 Dec. 1722 d. 11 d. 14. 15. 19. 26. u: 28 Dec. gehalten und gemeßenen distantiis, einen motum bey diesem Stern angemerckt zu haben vermeinet, hat er den Schluß gemacht, daß er ein Planet wäre, und ihm deßwegen den Namen sidus Ludovicianum[20] gegeben. Das bißherige Wetter, und allerhand Hindernißen, haben mir noch nicht erlaubt, vor mich observationes darüber anzustellen und die Sache weiter zu suchen. Ich werde es aber tuhn so bald es möglich ist, und glaube, daß Ew. HochEdl. sich gefallen laßen, eine gleiche Bemühung über sich zu nehmen. Es sollte mir leid seyn, wenn der gute Mann, wie ich aus einigen Umständen besorge, sich sollte in der Benennung dieses Planeten übereilet haben. Zum wenigsten hätte ich meines Ortes zuvor mehrere observationes darüber gehalten, auch die distantiam mediae caudae et Alcor recht untersuchet, die meines Erachtens nicht 9.' 5'' ist, wie sie Hevelius angegeben hat.[21]

Wie meine Dedication bey der HochLöbl. Societaet aufgenommen worden, darüber erwarte ich einen guten Bericht. Ich bezeuge auf meine Ehre, daß ich keine Recompens dabey suche, sondern ich wünschte mir nur darinn eine gute Approbation meiner Arbeit und meines Unterfangens, weil mir hiesiges Ortes eine vortheilhafte Recommendation daraus zuwachsen könte, wenn man erfähret, daß eine so berühmte Societaet, meine Astronomischen Beschäftigungen nicht mißbillichet, und mich zu größern Fleis anheischet.[22]

Da ich dieses schreibet, erinnere ich mich eines Discourses, den ich neulich mit dem Hl von Wurzelbau gehabt, der mir auch erst gestern befohlen, an Ew. HochEdl. sein ergebenstes Compliment zu machen. Dieser ging unter andern dahin: Nachdem auf der Hochlöbl. Societatis Scientiarum Prussicae beschehene großgünstige schriftliche Anmahnungen, die Tabulae Solares Noricae,[23] dem gegebenen Versprechen gemäß A.o 1719 edirt, auch ermeldte exhortation[24] in der von dem Hl Auctore an die Römisch-Kaiserl. verfügten Dedication erwehnet; dann ferner 4 Exemplaria nach Berlin zur Adresse des Hl. Rath Jablonski[25] übersandt worden: Wie es wohl komme, daß dieser 3 Jahr über, außer den 2 an Ew. HochEdl. u: Hl Wagner assignierten

[Bl. 97v]
von dem Empfang, oder wohin die 2 übrigen Exemplaria angewendet worden, nichts zu vernehmen sey. So viel als ich an den Hl. von Wurzelbau vermerckte, so stehet er in dem Wahn, ob wäre seine Arbeit nicht der Mühe wehrt, daß die Hochlöbl. Societaet, weiter etwas davon gedächte, da sie sich doch vielleicht noch im Msct befände, wenn Sie Ihn nicht selber zur Publication angemahnet hätte. Ew. HochEdl. geruhen derohalben bey Gelegenheit gehörigen ortes zu sondiren, worauf sich sothanes Stillschweigen beziehe. Wie ich gehöret, so hat der Hl von Wurzelbau, den überschickten Exemplarien, keinen Brief beygeleget: dahero ich muthmaße, daß dieses vielleicht die Ursache seyn müße, warum er keine schriftliche Nachricht, wegen des Empfangs, dargegen erhalten. Unterdeßen kan ich versichern, daß der Hl von Wurzelbau wegen dieses Stillschweigens sehr verdrüßlich gemacht worden, und sich dahero von mir nicht will bereden laßen, seinen vermehrten Catalogum fixarii Hevelii, mit denen darzu verfertigten figuren, herauszugeben, ob ich ihm gleich schon einen Verleger angebotten. Er sagt nehmlich, er habe nicht Ursache um Brod zu arbeiten, und weil er sehe daß man auf seine Bemühungen schlechten Regard mache, so könte das, was er zusammen getragen, schon liegend bleiben. Diese Gedancken sind freylich nicht zu billichen: allein einem so angesehenen und wolbegütterten Manne, darf man die gehörige Gegen Vorstellungen nicht tuhn; es wäre denn Sache daß es auf eine Art geschehe, die solchen Leuten zu kömmt, welche es mit einer beßeren manier als ich angreiffen dürfen. Und so viel wäre, womit Ew. HochEdl. ich vor dißmal beschwerlich fallen wollen, der ich Sie übrigens der Göttlichen Obhut anbefehle, und unter hertzlicher Anwünschung beständiger Gesundheit, samt allem übrigen Wohlergehens Zeitlebens beharre

  Nürnberg.
d. 30 Martii 1723.

aufrichtig ergebenster die-
ner.   

Johann Leonhard Rost.

Beilage[26]
Verschiedene astronomische Beobachtungen


Fußnoten

  1. Christoph Clavius (1538-1612) war der wichtigste Verteidiger der gregorianischen Kalenderreform.
  2. Clavius, Christoph: Romani Calendarii A Gregorio XIII. P.M. Restituti Explicatio. Rom: Zanettus 1603.
  3. Rost zitiert aus der Explicatio von Clavius, S. 63, 2. Absatz. An der mit ... gekennzeichneten Stelle überspringt er ein längeres Zitat von Beda Venerabilis.
  4. Beda Venerabilis (der ehrwürdige Beda, 672/673-735) war ein angelsächsischer Benediktiner und Geschichtsschreiber, der in der katholischen Kirche als Heiliger verehrt wird.
  5. Der Erzbischof Isidor von Sevilla (um 560-636) gilt als Kirchenvater und wird als Heiliger verehrt.
  6. Rabanus Maurus (um 780-856) war Erzbischof in Mainz.
  7. Rupert von Deutz (Rupertus Tuitiensis, um 1070-1129) war ein Mystiker und Liturgiekommentator.
  8. William Durand (um 1230-1296) war ein französischer Kanoniker.
  9. Johannes de Sacrobosco (um 1195-1256) war ein englischer Mathematiker und Astronom, der an der Universität Paris lehrte. Sein Tractatus de Sphaera war lange Zeit das Standardeinführungswerk in die Astronomie.
  10. S. 58 beginnt das Rost interessierende Kapitel, hier zitiert er aber aus S. 65.
  11. Rost zitiert aus: Clavius, Christoph: Opera Mathematica: V Tomis distributa. Mainz: Hierat 1612, S. 364. In diesem Teil der Opera ist abgedruckt: Novi Calendarii Romani Apologiam adversus Michaelem Maestlinum Gaeppingensem in Tubingensi Academia Mathematicum duobus libris explicatum.
  12. Rost zitiert leicht verkürzt und mit kleinen Umstellungen aus S. 502 oben angeführten Werkes.
  13. Christen= Jüden= und Türcken=Kalender brachte Gottfried Kirch seit 1667 heraus. Vgl. den Eintrag zu Kirch im Biobibliographischen Handbuch der Kalendermacher von 1550 bis 1750.
  14. Mit dem Frankfurter Mathematikprofessor ist der Schweizer Mathematiker Jakob Hermann (1678-1733) gemeint, der damals an der Universität in Frankfurt an der Oder lehrte. Weder von ihm noch von Kirch sind gedruckte Stellungnahmen zum Osterproblem von 1724 bekannt.
  15. Von Johann Georg Liebknecht (1679-1749) ist keine gedruckte Stellungnahme zum Osterproblem von 1724 bekannt.
  16. Liebknecht, Johann Georg: Sidus boreale stella noviter detecta. Gießen: Vulpius 1723.
    Bei der im Titel angesprochenen Person handelt es sich um Ludwig Johann Wilhelm Gruno von Hessen-Homburg (1705-1745), Erbprinz von Hessen-Homburg, später russischer Generalfeldmarschall, damals Rektor an der Universität.
  17. Rost bezieht sich im Folgenden auf die Nomenklatur, die Johann Bayer 1603 in seiner Uranometria einführte.
  18. media in cauda ursae majoris zwischen ζ u. g in dicta cauda: in der Mitte des Schweifes des Großen Bärens zwischen den Sternen ζ und g in besagtem Schweif (das sind die Sterne Mizar und Alkor).
  19. triangulum scalenum: ein ungleichseitiges Dreieck.
  20. Sidus Ludovicianum: Liebknecht benannte den von ihm vermeintlich neuentdeckten Stern zu Ehren des Universitätsgründers Ludwig V. (1577-1626) von Hessen-Darmstadt.
  21. Rost hatte mit seiner Skepsis völlig recht. Der Stern war schon früher entdeckt worden. Zudem steht er weitab von der Ekliptik und ist selbstverständlich kein Planet. Im Brief vom 2. November 1723 gab er im Übrigen den Abstand der Sterne nach Hevelius zu 9.' 56'' an.
  22. Vgl. hierzu den Brief von Rost an Kirch vom 20. April 1722.
  23. Wurzelbau, Johann Philipp von: Uranies Noricae basis astronomica. Nürnberg: Peter Conrad Monath 1719.
  24. exhortation: Ermahnung.
  25. Vermutlich Johann Theodor Jablonski (1654-1731), der von 1700 bis zu seinem Tod beständiger Sekretär der Preußischen Akademie der Wissenschaften war.
  26. Im Brief vom 1. Februar 1723 schrieb Rost, dass er Observationen beilege, "wie sie von einem Jesuiten aus Ingolstadt eingelaufen". Gleich am Anfang des vorliegenden Briefes steht, dass er übersandte Observationen "mit einigen andern" ersetzen wolle. Bei den Beilagen zu beiden Briefen dürfte es sich um die Blätter 90 bis 92 handeln. Jedoch ist die Blattabfolge im Band durcheinandergeraten (Abfolge: 89 - 93 - 91 - 92 - 94 - 95 - 96 - 97 - 90), weshalb nicht mehr eindeutig zu entscheiden ist, welche Blätter welchem Brief beigelegt waren. Nachdem die Blätter 90 bis 92 gleiches Format haben und auch vom Schriftbild zusammengehörig wirken, wurden sie dem vorliegenden Brief gemeinsam angehängt.