Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 10. Februar 1720
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 62r-v
Zustand Der Brief ist an der rechten Seite ein bis zwei cm umgeschlagen, dadurch sind einzelne Stellen nicht lesbar.
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter
  Hochgeehrtester Herr
   und Hochgeschätzter Gönner.

Daß ich Dero angenehmes vom 18 Novemb. nebst dem Einschluß richtig empfangen, deßen werden Sie verhoffentlich nunmehr, aus der darauf gestellten Antwort, versichert worden seyn, als die ich unter dem 24 Decemb. durch die hiesigen Kauffleute, an Sie abgeschicket. Dero jüngstens vom 27 Decemb. nebst den beygelegten Exemplarien Ihrer ruhmwürdigen Arbeit,[1] habe ich den 31 Januarii empfangen, und kan ich wohl sagen, daß mir ein großes Vergnügen daraus zugewachsen, weil Sie alles so wohl ausgeführet, und mir dadurch in dieser materie in vielen Stücken ein großes Licht angezündet. Ich bin Ew. HochEdl. also zum Höchsten vor Dero auch mir zum Nutzen angewandten Fleiß, und Dero Freygebigkeit verbunden; die ich in andere Wege zu verschulden, niemal ermangeln, und mir nur die Gelegenheit darzu ausbitten will. Von dem Hl von Wurzelbau, habe ich gleichfalls ein Dancksagungs Compliment abzustatten, und erwehnte er ausdrücklich, wie ich Ihm das Exemplar überreichet,[2] daß er gerne wünschte Ihnen seine Erkäntlichkeit vor so viele Gefälligkeiten, in der That kund zu machen. Dem Hl Prof. Müller, und Hl P. Doppelmajer, habe die ihnen zuständige Exemplaria übersendet, weil es bey dem letzten nicht persönlich tuhn können, und Hl M. Gauppen[3] will es nächster Tagen übersenden, weil der Zeit noch keine Gelegenheit nach Lindau habe. Indem dieser ein vollkommener Liebhaber der Astronomie ist, so kan ich schon im Voraus sehen, was Sie mit dem Exemplar vor Ehre einlegen werden. Ich wollte hierbey ohnmaßgeblich nur Erinnerung tuhn, ob Ew. HochEdl. schon wißen, daß die Logarithmi Crugeri sehr falsch gedruckt seyen,[4] deren Sie sich zur Rechnung bedienet? Ich glaube aber daß Sie schon ein Corrigirtes Exemplar haben. Indeßen wäre es mir und vielleicht auch andern

[Bl. 62v]
lieb, wenn Sie Vlaquischen Logarithmos adhibiret,[5] als die itzund fast durchgängig gänge und gebe seyn, und bey denen man nicht so leicht, wegen des plus et minus, wie bey den Keplerischen irren kan, als welches einer der ihrer nicht gewohnet ist, vielfältig wiederfähret. Doch wer sich zu helfen weis, wird mit der Deduction schon zu recht kommen. Daß Ew. HochEdl. das Astrologische Capitel weg gelaßen, darüber werden sich diejenigen nicht beschweren, welche dieser materie keinen Glauben zu stellen: unterdeßen hätte ichs gleichwohl gerne gehabt, maßen es mir vielleicht zu einen und andern Anmerckungen und observationen Anlaß gegeben, weswegen ich mir einmahl bey übriger Zeit, dero Gedancken hierüber ausführlicher ausbitte. Da Ew. HochEdl. nunmehro die Tabb. ☉ares des Hl von Wurzelbau[6] in Handen, davon der Hl Auctor ein Exemplar an Sie und Hl Wagner und 2 an die Hochlöb. Societaet überschicket, zweifele ich nicht, Sie werden auch daraus den motum ☉ zu der Appartionem ☿ adhibiren, um künftig zu erfahren, was Sie zur Verbeßerung des motus ☿ vor dienste tuhn, welches ich so bald es geschehen kan, gleichfalls tuhn werde. Die Occultatio Palilicii ist den 27 Nov. hier nicht observiret worden. Es ist eine Zeit her gar kein Astronomisches Wetter: und hat es mich sehr geschmertzet, daß jüngst ☌ ♀ et ☽[7] auch ☌ ☽ et Reguli[8] nicht zu observiren war. Die ♀ habe ich zwar den 6 Jan. post ☉ ortus nudo oculo sehr nahe unter dem ☽ aber nur etliche Augenblick lang wegen der Wolcken gesehen. So ging es mir auch bey dem Regulo d. 26 Jan. Da ich um halb 11 Uhr den * etwan eines fingers breit per tubum a limbo ☽ orientali in der Mitte des Maris Hyperboreii circa Scopulos Hyperboreos[9] erblicket: es kam aber gleich ein dickes Gewölcks, welches den * mitsamt des ☽ verfinsterte. Von Hl M. Rasts Promotion, habe ich schon die Nachricht in den gelehrten Zeitungen gelesen.[10] Ich gönne sie ihn von Hertzen. Er hat mich mit Seinem letzten Brief recht auf das Eis zu führen gesuchet, und möchte ich wohl wißen, ob Ew. HochEdl. selbigen Brief nicht gelesen haben. Wenn es geschehen, so bin ich versichert, daß Sie nicht durchgehend seiner Meinung seyn, zumahl so er sie im Ernst fürgebracht. Mehr erlaubet diesesmahl die Zeit nicht zu schreiben: weswegen ich mit der Versicherung schließe daß ich ohnverändert beharre

Ew. HochEdl.

Nürnberg.
d 20 Februar. 1720.

gantz ergebenster diener.

Joh. Leonhard Rost.

Beilagen
Beobachtungen der Mondfinsternis vom 29. August 1719 von Müller in Altdorf und Gaupp in Lindau sowie einer Bedeckung von Aldebaran durch den Mond vom 20. Oktober 1719 durch Zumbach in Kassel

[Bl. 63r]

Altdorfj. Noricor.
Circa Eclipsin ☽ part. d. 29. Aug. p. m. 1719 momenta observationis potiora
a M. J. H. Mullero. P. P. M. institut. erant sequentia[11]

H     '   ''  
 7. 52.  0 penumbrae vestigia apparent
 8. 59. 47 umbra tangit Hevelii palud. Bycen. I. Besbicum. M. Aetanm et nupem in locis paludosis
 9. 10. 36 umbra tangit Pal. Moeotidem. I. Besbic. etc.
     17. 32 ------------ Ins. Besbicum et Sicilum
     48. 17 ------------ Pal. Moeot. Pal. Bycen. et. S. Apollinis infra Atlant. min. transit
     55.  7 ------------ transit medium Cleomedem Riccioli et Hevelii
10. 16. 34 exitus umbrae verae
     22. 20. penumbrae vestigia vix amplius conspicua

Circa h. 8. 59.47. maxima obscuratio 40. 48' aestimabatur


Observatio Eclipsis ☽ d. 29. August. A.o 1719. hor. pom. habita Lindaviae
a M. J. Gauppio

Ord. Phas. Part. Microm. Quant. Eclips. Tempus correctum  
1.     7. 47. 45. Initium dubium
2   D. 1 7. 32. 30 Initium satis notabile
3. 1428 3. 52 8.  6. 50  
4 1380 4. 10    24. 65  
5 1300 4. 39    37.  6  
6 1200 5.  9    48.  8  
7 1140 5. 29    53. 40.  
8 1200 5.  9 9. 10. 15.  
9 1300 4. 39    23. 54  
10 1400 4.  0    39. 10.  
11 1712 4. 10    49.  8  
12 1750 2.  0    56. 10.  
13   0.  0 10. 10. 50 Finis
14 2100      12.  2 Diameter ☽ae

Partes Micrometri intelliguntur intercipientes Diametri ☽ae partem lucidam, ita ut eanem complementum ad diametrum det Digitos eclipticos.


Ex litteris Dn. D. Zumbach. Casselis d. 2. Dec. 1719.[12]

D. 30 Octobris fuit a me observata occultatio Palilicii, Coelum vesperi erat mediocriter serenum cum raris nubibus. Immergebat *a inter raras nubeculas prope Aristarchum paulo intra fineam, quae duit a Copernico per Aristarchi punctum australes (prout per Tubum omnia invertentem apparebat, alias supra istam lineam e punctum borea=

[Bl. 63v]
le erigendo) erat fine h. 9. 37.' 30'' Temp. app. Emersio *ae, coelujam existente Serenione, fuit h. 10. 37.' 58'' e regione mediatatis maris Crisii, ubi tunc suna decrescebat, nam erat tertius dies post plenilunium.


Fußnoten

  1. 1719 erschien von Kirch:
    Transitus Mercurii Per Solem, Ad Anni proximi M D CC XX. Diem 8. Maji, Ex variis recentioribus Tabulis supputatus, & necessaria Commentatione illustratus; Accessere Conjunctionum Lunae cum Venere, Palilicio & Regulo notabiliorum, per eundem Annum observandarum, Praedictiones, juxta Tabulas Cel. Philippi de la Hire. Berlin: Papen 1719.
    Mit Brief vom 12. April 1720 bedankte sich Doppelmayr für das ihm durch Rost überbrachte Geschenk Kirchs.
  2. Das in Fußnote 1 angeführte Exemplar von Kirchs Arbeit liegt heute in der Bibliothek des Deutschen Museums in München (Signatur: 1965 A 1487). Es trägt auf dem Titelblatt den handschriftlichen Vermerk "Celeberr. Dno. de Wurtzelbau".
  3. Johannes Gaupp (1667-1738) war Pfarrer in Lindau, der aber vor allem als Astronom bekannt wurde. Er war einer der wichtigsten Briefpartner von Rost.
  4. Crüger, Peter: Praxis Trigonometriae logarithmicae. Danzig: Andreas Hünefeldt 1634.
  5. Vlacq, Adriaan (1600-1667): Arithmetica logarithmica. Gouda: Petrus Rammasenius 1628.
  6. Wurzelbau, Johann Philipp von: Uranies Noricae basis astronomica. Nürnberg: Selbstverlag 1719.
  7. Am 6. Januar 1720 betrug der Scheibenabstand der Venus zum Mond nur 0,32o.
  8. Der Stern Regulus im Löwen wurde am 26. Januar 1720 vom Mond bedeckt.
  9. Rost verwendet die heute nicht mehr gebräuchligen Bezeichnungen von Hevelius. as Mare Hyperboreum ist heute das Mare Frigoris (Meer der Kälte; 6o 00' N; 1o 24' O.). Scopuli Hyperborei sind heute die Krater Protagoras (56o 1' N; 7o 20' O) und Archytas (58o 52' N; 4o 59' O).
  10. Rast, Georg Heinrich (Praeses); Gottsched, Johann Christoph (Respondent): Explicatio Leibnitiana Mutationis Barometri In Tempestatibus Pluviis Contra Dubitationes Io. Theophili Desagulieri V. C. Adserta. Königsberg; Zaenker 1719.
    Eine Besprechung der Arbeit findet sich in den Nova litteraria ad Supplementum Actorum Eruditorum, 1719, S. 101-103.
  11. Müllers Beobachtungen der Mondfinsternis vom 29. August 1719 finden sich in dessen Observationes Astronomico-Physicae selectae. Pars Posterior. Altdorf: Jobst Wilhelm Kohles 1723, S. 3f.
  12. Diese Informationen stehen im Brief Zumbachs an Johann Gabriel Doppelmayr vom 2. Dezember 1719. Zumbach bat darin Doppelmayr diese Beobachtungen auch Rost zugäglich zu machen.